Dies um so mehr, als diese Grundlagen – wie es bei einer so jungen Wissenschaft nicht anders möglich ist – noch keineswegs allgemeiner Anerkennung sich erfreuen. Und gerade unter Ihnen, meine Herren, die Sie zum Teil als Pioniere auf den Gebieten der Neurologie und Hirnanatomie die Fundamente unserer Wissenschaft legen und sich nur zu oft der noch klaffenden Lücken schmerzlich bewußt sein werden, wird gewiß mancher sein, der es für unwissenschaftlich, ja vermessen halten wird, auf einem so schwankenden Grunde ein kühnes Gebäude zu errichten. Aber mein Vorgehen widerspricht bewährten Denkgrundsätzen nicht, ist methodologisch nicht falsch! Denn so unzweckmäßig es im praktischen Leben wäre, die Tragfähigkeit eines Baugrundes daran erproben zu wollen, ob das darauf gebaute Haus einfällt – wobei ja gar leicht auch der Wißbegierige zu Schaden kommt –, so unschädlich und unentbehrlich ist dies Verfahren in der Wissenschaft: ob eine Hypothese festen Boden der Erkenntnis darstellt, wird am besten daran erprobt, ob das auf ihr errichtete Gebäude von Folgerungen nicht zusammenstürzt.

Die Grenzen, innerhalb deren sich meine Erörterungen halten sollen, fallen zusammen mit den Grenzen des physikalisch Quantitativen. Es sind lediglich energetische Prozesse, Prozesse also, die räumlich, zeitlich und kausal meßbar sind, die uns beschäftigen werden. Jenseits der Grenzen dieses Vortrages liegt das Bewußte, Qualitative, eigentlich Psychische. Zwar teile ich die fast allgemeine Ansicht nicht, daß diese Seite unseres Wesens jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft überhaupt liegt – damit wären wir dem Dualismus trotz aller verhüllenden Worte von Identität, von äußerer und innerer Anschauung u. dgl. unrettbar verfallen –, aber jedenfalls liegt es außerhalb der Möglichkeit, sie hier nebenher zu behandeln.

Gleichwohl werde ich mir erlauben, mich der Ausdrücke der Bewußtseins-Psychologie zu bedienen, darunter aber die entsprechenden physiologischen Vorstellungen zu verstehen. Nur für die Bewußtseins-Psychologie ist ja bisher eine Terminologie ausgebildet, und es wäre sehr lästig und zeitraubend, wenn ich z. B., um das Wort »Empfindung« zu vermeiden, jedesmal das Nervengebilde beschreiben wollte, das ihr entspricht. Die Parallelismustheorie gestattet uns ja auch von vornherein ein solches allgemeines Sichentsprechen anzunehmen. Eine Unklarheit kann, bei der prinzipiellen Ausschließung des Bewußten aus unseren Erörterungen, dadurch nicht entstehen.

Das Ausgangsgebilde der seelischen Entwicklung ist der Reflex.

Der Reflex ist unterseelisch, unterbewußt, wenn die Verbindung zwischen den sensorischen und den motorischen Bahnen durch wenige verbindende Fasern, meist des Rückenmarkes, hergestellt wird, er wird psychisch, bewußt, wenn die Verbindung durch die zahllosen Fasern des nervösen Zentralorgans bewirkt wird: wenn das Gehirn denkt.

Das Resultat dieser zentralen Prozesse ist eine motorische Reaktion, die – zum großen Vorteil des Individuums – nicht lediglich (wie beim einfachen Reflex) dem gerade gegenwärtig wirkenden Reize entspricht, sondern auch mancherlei frühere Reize berücksichtigt.

In Nervenprozessen also, so dürfen wir annehmen, besteht alles Denken, alles psychische Geschehen – diese aber, worin bestehen sie?

Die einzige Funktion der Nerven ist es – hier folge ich den bewundernswerten Ausführungen von Kassowitz[1] –, einen chemischen Zerfallprozeß von einem Ende zum anderen hindurchzuleiten. Ein Prozeß, der in ganz gleicher Weise in allem lebenden Protoplasma vor sich geht – und, dürfen wir sagen, dessen Leben ausmacht –, durcheilt die Nervenbahn infolge ihrer besonders labilen chemischen und mechanischen Struktur mit der Geschwindigkeit von etwa 30 m/Sek., während unmittelbar hinterher der Nerv aus den Zerfallprodukten selbst und aus den im Blutstrom herangeschafften chemischen Energien sich wieder aufbaut. Nichts Weiteres soll in den Nerven vorgehen. In einfache Leitungsprozesse also sind alle psychischen Prozesse aufzulösen und die Aufgabe einer naturwissenschaftlichen Psychologie besteht darin, alles seelische Geschehen in Ausdrücken von Leitungs- oder Bahnprozessen zu begreifen. Daß mit Lösung dieser Aufgabe das Seelenleben sich in einer großartigen Einfachheit darstellen würde, die siegreich alle die Worterklärungen der alten Psychologie aus dem Felde schlagen müßte, leuchtet ohne weiteres ein. Aber noch mehr! Wenn die Hypothese sich als stichhaltig erweist, so werden wir erwarten dürfen, daß nicht nur die bekannten Erscheinungen in ihr Gewand sich einkleiden lassen, sondern daß auch neue Einsichten durch sie erschlossen und bekannte durch sie schärfer gefaßt werden können. Und um das letztere handelt es sich uns bei der Unterscheidung des vorstellenden und des begrifflichen Denkens.

Verfolgen wir zunächst die aufsteigende Reihe der Nervenbahngebilde.

Von der Außenwelt werden durch Vermittlung der Sinnesorgane in den sensorischen Nerven Ströme (d. h. Zerfallprozesse) ausgelöst, die bis zu den Sinnessphären des Gehirns fortgeleitet werden und hier einen gewissen Komplex von Bahnen innervieren, d. h. Empfindungen hervorrufen.