Mehrere derartige Stromkomplexe fließen, wenn sie gleichzeitig erregt werden, also etwa von einem Objekte herrühren, leicht zusammen und bilden so ein großes Bahngebilde – die Wahrnehmung. Wir wollen diese durch ihre Konfiguration eindeutig bestimmten Nervenbahngebilde Bahnfiguren nennen.

Diese Bahnfiguren haben natürlich mit den Objekten keinerlei Ähnlichkeit. Sie verhalten sich zu den Dingen nicht wie ihre Bilder, sondern wie ihre Symbole, ihre konventionellen Vertreter.

Jeder Nervenstrom hinterläßt den Nerven in einer Verfassung, wodurch er für eine wiederholte Erregung leichter passierbar wird. Die Bahnfigur einer Wahrnehmung kann so leicht wieder belebt werden, und zwar nicht nur von den Sinnesorganen, sondern auch vom Zentrum aus. Die wiederbelebten Bahnfiguren sind Vorstellungen.

Diese Eigenschaft der Nervensubstanz – durch Wiederholung des Zerfalls zerfallfähiger zu werden – ist wohl eine der schwerstverständlichen, da zu ihr am wenigsten Seitenstücke in der Chemie des Leblosen zu finden sind. Die Ausdrücke »ausschleifen«, »bahnen«, die nur mechanische Vorgänge andeuten, sind nur Notbehelfe für die Vorstellung. Indessen gibt es nicht den geringsten Grund, an der Erklärbarkeit des Bahnungsprozesses zu zweifeln.

In dem Strömen der Erregung von einer Bahnfigur zur anderen oder von zwei gleichzeitig erregten Figuren zueinander besteht die Assoziation der Vorstellungen und bei reicherer Entfaltung das Denken in Vorstellungen.

Und der Aufbau der Seelengebilde setzt sich fort: Wie die Bahnfiguren uns die Dinge und ihre Beziehungen vertreten, so können sie selbst vertreten werden durch einen ihrer Teile, durch eine phonetische Gruppe – das Wort. Auf die Symbolschicht der Vorstellungen baut sich so gleichsam ein höheres Stockwerk auf, eine Schicht von Symbolen 2. Grades, von Übersymbolen. Es entsteht ein Bau, wie wir ihn uns etwa in dieser Figur schematisch veranschaulichen können.

Wie es zu dem so hoch bedeutsamen Schritt der Sprachbildung gekommen ist, einem Schritt, den uns bekanntlich die ganze Tierwelt nicht hat nachmachen können? Sie wissen, daß es dafür eine ganze Anzahl Theorien gibt. Ich bin der Ansicht, daß das Mitteilungsbedürfnis entscheidend war: Der Mensch ist eben kein Individuum, sondern ein soziales Wesen. Daß dafür die akustische Sphäre wegen ihrer engen Verbindung mit der motorischen Sprachsphäre besonders geeignet war, bedarf keiner Erörterung. Die Warn- und Lockrufe der gesellig lebenden Tiere stellen meines Erachtens die ersten primitiven Worte und Begriffe dar – die Begriffe »Gefahr«, »Nahrung«! Denn das ist der große Gewinn durch die Übersymbolbildung, daß uns das Wort alle die Vorstellungen vertritt, von deren Figur es einen Teil ausmacht. Mit einem Laut kann schon das Tier vielerlei Gefahren, vielerlei Nahrungsmöglichkeiten bezeichnen. Das Wort begreift symbolisch eine große Zahl von Vorstellungen. Begriff und Wort sind fast identisch. Denn sie sind dieselbe Bahnfigur im Sprachzentrum. Nur daß beim Begriff mehr die Verbindungen dieser Figur mit den Vorstellungen belebt sind, beim Wort mehr die zu den motorischen Nerven. Das scheint mir eine klare Darstellung des so viel umstrittenen Verhältnisses.

Die Worte und Begriffe vertreten die Vorstellungen, wie das Papiergeld, der Wechsel das Metallgeld vertritt, oder wie die Gesandten ihre Mächte vertreten, wodurch bekanntlich der Geldverkehr, der diplomatische Verkehr außerordentlich erleichtert wird. Es entsteht in der Sprachregion ein neues Denken, und unsere Frage ist nun: Wie verhält sich dies sprachliche, begriffliche Denken zu dem vorstellenden Denken?

Ohne weiteres ist klar, daß das vorstellende Denken nähere Verbindungen mit der Welt der Objekte, der Wirklichkeit hat – das Begriffliche ist ja überhaupt nur durch die Vorstellungen mit dieser verbunden –, und daß es darin die größere Gewähr besitzt, der Wirklichkeit zu entsprechen, richtig auf sie reagieren zu können.