„Von einem besonderen Haß der Inder gegen die englischen Geistlichen hatte ich während meines bisherigen Aufenthalts im Lande nie etwas bemerkt,“ sagte er, und der Professor erwiderte:

„Vor wenig Tagen noch hätte auch wohl keiner von ihnen etwas zu fürchten gehabt. Bei so traurigen Umwälzungen aber, wie sie sich jetzt vollzogen haben, verwirren sich alle Begriffe. Alle schlummernden Leidenschaften werden entfesselt. Ich wage nicht auszudenken, welche Greuel in dem weiten Indien geschehen werden, nachdem der Zügel gerissen ist, der das Volk lenkte. Und das schlimmste ist, daß wir selbst uns die Schuld daran beizumessen haben.“

„Sie meinen durch die Lässigkeit, mit der man die Verteidigung des Landes vorbereitet hat?“

„Ich meine nicht allein das. Unsere Schuld ist, daß wir eine ewige Wahrheit ignoriert haben, die Wahrheit nämlich, daß alle politischen Fragen nur der äußerliche Ausdruck, gleichsam das Kleid religiöser Fragen sind.“

„Verzeihen Sie, aber der Sinn Ihrer Worte ist mir nicht klar.“

„Betrachten Sie das langsame, stetige Vordringen der Russen in Asien. Alles, was sie unter ihre Herrschaft gebracht haben, alle die ungeheuren Landstrecken Zentralasiens, sind zu ihrem sicheren, unbestrittenen Besitz geworden. Warum? Weil die Russen sich auch die Seelen der Völker zu erwerben und ihren religiösen Anschauungen Rechnung zu tragen wissen. Deshalb gehen Besiegte und Sieger leicht ineinander auf. Wir Engländer dagegen haben nur eine rein politische Herrschaft über Indien geführt. Die Seelen der Völker sind uns fremd und feindlich geblieben.“

„Es mag etwas Wahres in Ihren Worten sein. Aber Sie werden zugeben müssen, daß die Engländer dafür eine neue Kultur nach Indien gebracht haben. Damit war die Gewißheit geistigen Fortschritts gegeben, und ich meine, daß kein Volk auf die Dauer blind bleiben kann gegenüber der Erscheinung höherer Ideen. Die ganze Weltgeschichte bildet eine fortlaufende Kette von Beweisen für die Richtigkeit dieser Tatsache.“

„Das Wort ‚Kultur‘ hat einen vielseitigen Sinn. Handelt es sich nur darum, zu untersuchen, ob die Regierung und Verwaltung des Landes besser geworden ist, so bedeutet ja die von uns nach Indien gebrachte Kultur unzweifelhaft einen ungeheuren Fortschritt gegenüber den Zuständen früherer Jahrhunderte. Wir haben die Despotie der eingebornen Fürsten gebrochen und haben den unaufhörlichen blutigen Kriegen, die sie untereinander und mit den asiatischen Nachbardespoten führten, ein Ende gemacht. Wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut, Sümpfe und Dschungeln beseitigt, Häfen eingerichtet, dem Meere große Landstrecken entrissen und schützende Kais gebaut. Die erschreckende Sterblichkeitsziffer der Großstädte ist unter der englischen Verwaltung erheblich zurückgegangen. Wir haben Gesetze gegeben, die die persönliche Sicherheit schützen und dem Handel neue Bahnen eröffnen. Aber das Streben unserer Regierung ist ein rein utilitaristisches gewesen, und was den tieferen Strom der Entwicklung betrifft, so ist nirgends ein wichtiger Fortschritt zu erkennen.“

„Und was ist es, was Sie darunter verstehen?“

„Unsere Ansichten in dieser Beziehung gehen vielleicht weit auseinander. Ich sehe in den meisten derartigen Errungenschaften nur eine neue Erscheinungsform jenes Materialismus, der von jeher das schlimmste Hindernis aller wahren Entwickelung gewesen ist.“