„Mir scheint, Mr. Proctor,“ warf Heideck lächelnd ein, „daß Sie hier in Indien Buddhist geworden sind!“

„Vielleicht, mein Herr, und ich würde mich dessen nicht schämen. Schon mancher, der Indien zuerst mit den Augen des Christentums betrachtete, ist hier, — vielleicht ohne es selbst zu wissen, — zum Buddhisten geworden. Griechische Weise haben einst gewünscht, daß man die Könige unter den Philosophen auswähle. Das mag ein unausführbarer Gedanke sein, aber ich glaube nicht, daß ein Herrscher, der die Philosophie verachtet, seine hohe Aufgabe jemals in vollem Maße erfüllen wird. Eine Politik ohne Philosophie ist ebenso wie eine unphilosophische Religion nicht fester gegründet, als jene Häuser dort am Raviflusse, deren Existenz nicht für einen einzigen Tag gesichert ist, weil es dem Strome gelegentlich einfällt, seinen Lauf zu ändern. Eine Regierung, die den religiösen Empfindungen des Volkes nicht Rechnung zu tragen weiß, steht nicht fester da als diese Hütten. Das Schicksal, das sich jetzt an uns Engländern vollzieht, ist der beste Beweis dafür. Wir sind die erste Macht in Asien gewesen, die eine politische Herrschaft nicht auf die Religion des Volkes gegründet hat. Unklug haben wir die gewohnte Einfachheit eines Volkes zerstört, das bis dahin nur geringe Bedürfnisse hatte, weil es sich Jahrtausende hindurch mehr um das Leben nach dem Tode, als um das irdische Dasein gekümmert hatte. Wir haben die schlummernde Leidenschaft dieses Volkes aufgestachelt und durch den Anblick von europäischem Luxus und europäischer Ueberkultur bis dahin ungekannte Wünsche in ihm geweckt. Unser System des öffentlichen Unterrichts ist darauf gerichtet worden, in allen Klassen des indischen Volkes die geringwertige materialistische Volksbildung unserer eigenen Nation zu verbreiten. Unter allen Gouverneuren und Schulinspektoren, die von England hierherkamen, hat sich keiner bemüht, die Oberfläche indischen Volkslebens zu durchdringen und die Seele dieses religiösen und transcendental angelegten Volkes zu ergründen. Welche Gegensätze sind dadurch geschaffen worden! Hier ein heiliger Strom, Priester, Asketen, Jôgins, Fakire, Tempel, Heiligenschreine, geheimnisvolle Lehren, ein vielfältiges Ritual — daneben aber ganz unvermittelt Schulen, darin ein hausbackener englischer Elementar-Unterricht getrieben wird, ein Staatskolleg mit einer Medizinalanstalt und christliche Kirchen der verschiedensten Konfessionen.“

„Wie wäre es aber auch möglich gewesen, moderne wissenschaftliche Bildung mit dem Fanatismus der Inder pädagogisch zu vereinen?“

Ueber das geistvolle Gesicht des Professors glitt ein überlegenes Lächeln.

„Vergleichen Sie bitte die ermüdenden Trivialitäten der englischen Missionsschriften mit den unsterblichen Meisterschriften der indischen Literatur! Dann werden Sie begreifen, daß der Inder, selbst wenn er das Christentum als Moralsystem gutheißt, eine tiefere und umfassendere Begründung dieser Moral verlangt und auch dem Ursprunge der christlichen Lehre nachforscht. Und da findet sich dann gar bald, daß alles Licht, das nach Europa gekommen ist, von Asien ausging. Ex oriente lux.“

„Ich bin zu ungelehrt, um Ihnen da zu widersprechen. Es mag sein, daß selbst das Christentum nicht allein aus dem Judentum, sondern auch aus dem Buddhismus herausgewachsen ist. Es mag auch sein, daß die Lehren unserer heutigen Missionare den Indern zu nüchtern sind. Aber die metaphysischen Bedürfnisse eines Volkes haben mit gesunder Politik und guter Rechtspflege doch wohl wenig zu schaffen. Denken Sie an Rom! Der römische Staat hatte eine vorzügliche Rechtspflege, und eine gewaltige politische Kraft, die ihn viele Jahrhunderte hindurch in seiner weltbeherrschenden Stellung erhielt. Wie aber war es mit der Religion und der Philosophie in Rom bestellt? Eine Staatsreligion gab es überhaupt nicht. Es gab keine priesterliche Hierarchie, keinen strengen theologischen Kodex, sondern nur eine Mythologie und eine Götterverehrung, die wesentlich praktischer Natur war, und eben durch ihren praktischen Sinn oder — wie Sie es nennen würden — durch ihren krassen Materialismus wurden die Römer befähigt, eine nationale Gesellschaft auf einfach menschliche Bedürfnisse und Ansprüche zu gründen. Was aber ihnen gelang, warum sollte es nicht auch jenen Nationen möglich sein, von denen sie in der Weltherrschaft abgelöst wurden? Der Geist der Zeiten ändert sich, aber es ist nur eine regelmäßig wechselnde Wiederkehr derselben Strömungen, so wie die Gestirne in ihrem Kreislauf immer wieder auf ihren Platz zurückkehren.“

„Und wenn der Zeitgeist gleich manchen Gestirnen nicht im Kreise, sondern in einer Spirale ginge? Die britische Weltherrschaft hat wohl schon einen höheren Schwung genommen als die römische. Hätte nicht dieses britische Weltreich, indem es weise Staatskunst mit den tiefen Ideen indischer Philosophie durchtränkte, zu einer großen Reformation des ganzen Menschengeschlechts gelangen können? Es wäre ein herrlicher Gedanke gewesen, aber ich habe hier gelernt, zu erkennen, wie weit man von seiner Verwirklichung entfernt geblieben ist.“

„Gleichwohl denke ich, daß die englische Armee nicht von den Russen geschlagen worden wäre, wenn sie nicht nach den Regeln einer veralteten Taktik gekämpft hätte.“

„O, mein Herr, wenn die indischen Truppen mit ganzer Seele für England gefochten hätten, so hätten wir diese Niederlage nimmermehr erlitten.“

„Als Soldat möchte ich das bestreiten. Die Inder werden einer militärisch geschulten europäischen Armee niemals gewachsen sein. Das Volk entbehrt dazu in viel zu hohem Maße der kriegerischen Eigenschaften.“