„Es ist wahr, das indische Volk ist von Natur sanft und gutherzig. Man mußte es in seinen heiligsten Empfindungen verletzen, um es wild und blutgierig zu machen.“
„Vielleicht beurteilen Sie es doch etwas zu milde. Es steckt noch ein gut Teil Barbarei in dieser Rasse, selbst bis in die höchsten Kreise hinauf. Hat doch, — wie ich Ihnen aus eigener Wahrnehmung berichten kann, — ein indischer Fürst vor Ausbruch des Krieges den Versuch gemacht, durch seine Diener eine englische Dame aus ihrer Wohnung zu rauben und den englischen Residenten, der ihn deshalb zur Rede stellte, durch einen gedungenen Meuchelmörder zu vergiften.“
Der Professor war im höchsten Grade erstaunt.
„Ist es möglich? Konnten sich solche Dinge ereignen? Sollten Sie nicht doch vielleicht durch einen übertreibenden Bericht getäuscht worden sein?“
„Ich habe die Vorgänge selbst aus nächster Nähe beobachtet, und ich kann Ihnen die Namen nennen. Die Dame, gegen die man den schändlichen Anschlag versuchte, ist Mrs. Edith Irwin, die ihrem Gatten, einem Kapitän bei den Lancers, in das Lager von Chanidigot gefolgt war.“
Die Verwunderung des Professors wuchs ersichtlich immer mehr.
„Mrs. Edith Irwin? Ist es möglich? Die Tochter meines alten Freundes, des trefflichen Rektors Graham? Gewiß, sie muß es sein, denn sie war mit einem Kapitän von den Lancers verheiratet.“
„Seit gestern ist sie die Witwe dieses Offiziers. Er fiel in der Schlacht bei Lahore, und sie selbst befindet sich unter den Gefangenen in Anar Kali.“
„Dann muß ich versuchen, sie zu finden; denn sie hat schon um ihres Vaters willen Anspruch auf meinen Beistand. Vorläufig freilich,“ fügte er mit einem etwas wehmütigen Lächeln hinzu, „bin ich selbst ja noch recht sehr des Schutzes bedürftig.“