‚Der Vizekönig meldet der Regierung Seiner Majestät, daß der Oberbefehlshaber in Delhi ein Heer von dreißigtausend Mann zusammengezogen hat und die Stadt verteidigen wird. Die Sepoys bei seiner Armee gehorchen, da sie innerhalb der Befestigungen eingeschlossen sind und nicht fliehen können. Der Vizekönig wird Sorge tragen, daß die mohammedanischen Sepoys möglichst alle nach dem Süden kommen und daß nur Hindutruppen gegen die Russen ins Gefecht geführt werden. Es ist Befehl gegeben worden, den abtrünnigen Maharadjah von Chanidigot, dessen Truppen in der Schlacht bei Lahore das Signal zur Fahnenflucht gaben, standrechtlich zu erschießen. Der Vizekönig ist der Ansicht, daß die russische Armee vor Delhi Halt machen wird, um die Verstärkungen heranzuziehen, die immerfort, aber nur in dünnem Flusse, durch Afghanistan herankommen. Er zweifelt nicht daran, daß die englische Armee, deren Zahl täglich durch die neu ankommenden Regimenter wächst, in den Nordprovinzen vereinigt, den Russen eine entscheidende Niederlage beibringen wird. Der Oberbefehlshaber wird dem General Egerton die Verteidigung Delhis übertragen und eine neue Feldarmee bei Cawnpore zusammenziehen, mit der er nach Delhi vorzurücken beabsichtigt. Auf allen Bahnlinien werden unausgesetzt alle verfügbaren Truppen nach Cawnpore befördert.‘

„Diese Nachrichten sind allerdings geeignet, uns mit neuem Mut zu erfüllen,“ sagte der Ministerpräsident, nachdem er das Telegramm vorgelesen. „Und wir wollen uns doch nicht verhehlen, Mylords, daß wir mehr als je des Mutes bedürfen. Dieser neue Mann in Deutschland, den der Kaiser zum Kanzler gemacht hat, regt die Gemüter der Deutschen schrecklich gegen uns auf. Er scheint ein Mann nach des Fürsten Bismarck Art zu sein, ein Mann kühner Rücksichtslosigkeit und überraschender Schläge. Wir stehen ganz allein. Rußland, Frankreich und Deutschland haben sich zu einem Bündnis gegen uns zusammengeschlossen. Oesterreich kann und will uns nicht zu Hilfe kommen, Italien dreht sich in gewundenen Antworten auf unsere Anträge, sagt weder ja noch nein und lauert auf den Augenblick, wo es im Bündnis mit Frankreich die letzten italienischen Landstriche von Oesterreich losreißen und sich an unseren Kolonien bereichern kann. Nun wohl denn, wo England allein stand, da stand es noch immer in Glanz und Macht. Vertrauen wir auf uns selbst und die Treue unserer Kolonien, die uns mit Geld und mit Mannschaften beispringen und die wir nach dem Siege mit allen Gaben belohnen wollen, die Seiner Majestät Regierung auszuteilen hat.“

„Unsere Kolonien!“ mischte sich jetzt auch der Handelsminister in die Debatte. „Jawohl, sie sind opferwillig. Ich fürchte nur, daß die Opfer, die der sehr ehrenwerte Kolonialminister von ihnen fordert, ihnen zu viel werden können, und daß sie bei der Richtung, die der moderne Imperialismus unserer Regierung einschlägt, nicht an die Belohnungen glauben werden, die ihnen in Aussicht gestellt werden.“

„Mylord,“ entgegnete der Angegriffene. „Man nennt mich einen Agitator, und man wirft mir vor, daß ich die jetzige gefährliche Lage Englands verschuldet hätte. Gut, ich will sie verschuldet haben. Aber niemals hat ein Staatsmann große Pläne verfolgt, ohne sein Land einer gewissen Gefahr auszusetzen. Ich erinnere nur daran, daß Bismarck nach dem glücklich beendeten Kriege von 1866 sagte, daß ihn die alten Weiber mit Knütteln totgeschlagen haben würden, wenn die preußische Armee besiegt worden wäre. Aber sie wurde nicht besiegt, und er stand da als ein Mann, der Deutschland geeinigt und Preußen groß gemacht hatte. Er setzte Preußen der allergrößten Gefahr aus, indem er durch seine Agitation fast die ganze Welt zum Feinde Preußens machte, Oesterreich und das ganze Süddeutschland angriff und es schließlich auch zum Kriege gegen Frankreich brachte. England hat damals eine unglückselige Politik des Zusehens und Abwartens befolgt, weil kein Agitator seine Politik leitete. Hätte England 1866 Preußen den Krieg erklärt, so wäre Deutschland jetzt nicht so mächtig, daß es uns bekriegt. Seit jener Zeit haben sich tiefgehende Veränderungen in England selbst vollzogen, gerade durch das Wachstum der deutschen Macht. Wir haben uns seit Napoleons Sturz nicht mehr genug um die Ereignisse auf dem Kontinent gekümmert, sondern in stolzem Selbstgefühl uns selbst für so mächtig gehalten, daß wir die Entschließungen der fremden Regierungen nur zu beeinflussen brauchten, um unsere eigene Politik zu verfolgen. Aber dieses Selbstgefühl ist erschüttert worden durch die Ereignisse von 1866 und 1870, und England ist mit Recht nervös geworden. Der Engländer hat bis zu jenem Zeitpunkt die Uebergriffe der kontinentalen Mächte verachtet. Das tut er nicht mehr, sondern es sind sogar patriotische Strömungen in England selbst entstanden, die der schwachsinnige Friedensfreund als chauvinistische brandmarkt. Nun wohl, ich nenne mich mit Stolz einen Chauvinisten in dem Sinne, daß ich nicht den Frieden um jeden Preis, sondern Englands Größe will. Die patriotischen Strömungen unseres Volkes sind von meinem Vorgänger Chamberlain in das rechte Bett geleitet worden. Und hat nicht die Regierung seit dreißig Jahren eben demselben patriotischen Gefühl Folge geleistet, indem sie, mochte sie von Disraeli oder Gladstone geleitet werden, eine ganz enorme Verstärkung unserer Wehrmacht zu Lande wie zur See ins Werk setzte? Diese militärischen Rüstungen haben dem Mutterlande allein die Lasten aufgebürdet, während sie nicht nur dem Mutterlande, sondern auch den Kolonieen zugute gekommen sind und noch zugute kommen sollen. Wie aber sollen solche Kosten, wie sie der Krieg jetzt verursacht, weiterhin aufgebracht werden? Wie soll der Handel des englischen Weltreiches fernerhin gehoben und vor jeder Konkurrenz geschützt werden, wenn die Kolonieen sich nicht an den Kosten beteiligen? Ich will nur, daß eine gerechte Verteilung der Lasten eintritt und daß demnach nicht England allein, sondern auch die Kolonieen die Lasten tragen. Der Plan der Imperial Federation, den wir verfolgen, ist das Heilmittel unserer chronischen Krankheit und soll die Kolonieen wie das Mutterland wirtschaftlich wie politisch und militärisch stärken. Gewiß scheinen solche Reden verwegen, Mylords, im Augenblicke, wo eine russische Armee in Indien eingebrochen ist und wo unsere Armee eine schwere Niederlage erlitten hat, aber ich möchte daran erinnern, daß noch jeder Krieg Englands mit Niederlagen begonnen hat. Andere als siegreiche Kriege aber hat England niemals geführt, seitdem Wilhelm der Eroberer das romanische Blut in Englands Staatskörper eingeführt und ihm damit eine Konstitution von solcher Zähigkeit und Härte verliehen hat, daß kein anderer Staatskörper jemals auf die Dauer England hat widerstehen können. So werden wir auch die Russen wieder aus Indien hinauspeitschen und werden die Flotten Frankreichs, Deutschlands und Rußlands, die sich vor uns in ihren Häfen verstecken, schließlich hervorzwingen, vernichten und damit alle übermütigen Pläne unserer Feinde zerstören, den Union Jack aber zur Standarte einer Weltherrschaft erheben, der niemand mehr feindlich zu nahen wagt.“


[XVIII.]

Die Kunde von Ediths Entführung — denn nur darum konnte es sich Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine Nachricht für ihn hinterlassen haben würde, — wirkte auf Heideck mit niederschmetternder Gewalt.