„Die Deutschen haben alle Leuchtschiffe, alle Feuerschiffe, alle Seezeichen außer Dienst gesetzt, und gerade so, wie die französischen Häfen, sind auch die deutschen durch Minen verteidigt. Ein Panzerschiff ist stark bei ruhigem Wasser gegenüber einem anderen Schiff, aber die Natur seiner Bauart macht es schwach beim Sturm und in unsicherem Fahrwasser. Ein Panzerschiff kentert vermöge seiner enorm schweren Belastung ungemein leicht, sobald es nach einer Seite hin das Uebergewicht bekommt. Es darf auch wegen seiner ungeheuren Wucht nirgends anstoßen, weil es sonst zerbricht; heftet sich ein Torpedo an seine Panzerhaut oder fährt es auf eine Mine, so geht es durch die Explosion leichter unter als ein Holzschiff des vorigen Jahrhunderts. Und wenn es irgendwo in einer Untiefe oder an einem Felsen aufläuft, so bringt man es nicht wieder los. Außerdem bedarf es häufiger Erneuerung seines Kohlenvorrats, so daß man es nicht auf langdauernde Expeditionen schicken kann. Unsere Panzer haben ihren ganz besonderen Zweck: sie sind für die Seeschlacht. Aber sie gleichen Riesen, die durch das eigene Gewicht schwerfällig gemacht und zu Boden gezogen werden, und der Verlust eines Panzer-Schlachtschiffes bedeutet, von seiner sonstigen Bedeutung für den Krieg abgesehen, den Verlust von mehr als einer Million Pfund. Auch die Kreuzer würde ich nicht ohne dringende Not den Stahlgeschossen einer Kruppschen Küstenbatterie aussetzen. Hüten wir uns auch vor dem kleinsten Mißerfolge zur See! Er würde für unser Prestige und damit für unsere Machtstellung so gefährlich werden wie eine Stahlgranate für die Wasserlinie eines unserer Kriegsschiffe.“
Der Kolonialminister schwieg. Er hatte diesen Einwendungen nichts mehr entgegenzusetzen.
„Unsere indischen Truppen werden dringend der Verstärkung bedürfen,“ nahm der Ministerpräsident wieder das Wort. „Wir müssen englische Männer ins Feld stellen, da man sich auf die Sepoys nicht mehr verlassen kann.“
„Allerdings,“ bestätigte der Kriegsminister, „und es gehen ja noch immer Truppentransporte nach Bombay. Vierzigtausend Mann sind eingeschifft worden; von diesen sind mehr als zwanzigtausend in Indien gelandet, die anderen sind noch auf der See. Eine große Flotte ist unterwegs, und acht Panzer sind in Aden stationiert, um jedem feindlichen Angriff auf unsere Transporte zu wehren. Aber es ist die Frage, ob wir gut daran tun, noch mehr Truppen nach Indien zu schicken. Mylords, so schwer es mir wird, es auszusprechen: wir müssen vorsichtig sein. Man würde mich mit Recht der Unbesonnenheit zeihen, wenn ich hier mehr täte, als die äußerste Vorsicht erlaubt. Großbritannien ist von Truppen entblößt. Nun bin ich gewiß, und ganz England ist sich dessen bewußt, daß niemals ein feindlicher Fuß diesen Boden betreten wird, da unsere Flotte die Unberührtheit unserer Insel verbürgt, aber wir wären unseres verantwortlichen Amtes nicht würdig, wenn wir irgend eine Maßregel zur Sicherheit des Landes versäumten. Laßt uns Feiglinge sein, Mylords, vor dem Kampfe, Helden erst in der Schlacht selbst! Laßt uns annehmen, wir besäßen keine Flotte, sondern müßten Englands Boden auf dem Lande verteidigen. Wir müssen eine schlagfertige Armee auf englischem Boden aufstellen oder wir machen uns des Verrats am Vaterlande schuldig. Die Mobilmachung unserer Reserve muß noch weiter ausgedehnt werden. Zehntausende von Yeomen sind noch imstande das Gewehr zu tragen und den Säbel zu schwingen, ohne daß wir sie eingezogen hätten. Jetzt müssen alle kräftigen Männer heran. Das Gesetz erlaubt, jeden Mann, der nicht der regulären Armee oder einem Freiwilligenkorps angehört, zur Armee heranzuziehen, vom 18. bis zum 50. Jahre, und dergestalt eine Miliz aller waffenfähigen Männer zu bilden. Wenn Seine Majestät es genehmigt, werde ich ein Milizheer von hundertundfünfzigtausend Mann bilden. Ich rechne auf Indien hundertundzwanzigtausend Mann, auf Malta zehntausend, auf Hongkong dreitausendfünfhundert, auf Südafrika zehntausend, auf die Antillen dreitausend, auf Gibraltar sechstausend, auf Aegypten zehntausend Mann, abgesehen von den kleineren Garnisonen, die alle an ihren Plätzen bleiben müssen, und hoffe dann noch mit Aufbietung aller Freiwilligenkorps und Reserven eine Armee von vierhunderttausend Mann zur Verteidigung des Mutterlandes aufstellen zu können.“
Der Lord Großkanzler schüttelte den Kopf: „Lassen wir uns nicht durch solche Zahlen zu einem falschen Optimismus verführen! Große Haufen ohne militärische Schulung, ohne Uebung in den Waffen, mit neu ernannten und von den Mannschaften gewählten Offizieren, die ohne jede praktische Einsicht, ohne jedes Verständnis für die Anforderungen moderner Kriegsführung sind, wollen wir wohlgeschulten Truppen entgegenstellen, solchen ausgezeichneten Truppen, wie es die französischen und die deutschen sind? Woher denn nur die Artillerie nehmen? Wir haben 1871 gesehen, wohin es führt, wenn man Herden von Bewaffneten den geschulten regulären Truppen gegenüberstellt. Bourbaki führte ein Heer, das monatelang geübt worden war, und doch hatten seine Scharen, obwohl sie mit Kavallerie und Artillerie ins Feld zogen, ungeheure Verluste beim Zusammenstoß mit einer an Zahl weit schwächeren, aber wohlgegliederten, kriegsgeübten und von erfahrenen Offizieren befehligten Armee. Sie wurden über die Grenze nach der Schweiz gedrängt, wie wenn eine große Schafherde von einem Rudel Wölfe gejagt wird.“
„Das waren Franzosen, wir aber sind Engländer!“
„Ein Engländer wird von einer Kugel niedergestreckt wie ein Franzose. Die Zeiten des Schwarzen Prinzen sind vorbei, kein Heinrich V. siegt mehr bei Agincourt, wir haben das Feuergefecht mit Magazingewehren.“
„Die Buren, Mylord, haben uns gezeigt, was eine tapfere Miliz noch immer gegen reguläre Truppen vermag.“
„Ja, im Gebirge. So haben auch die Tiroler eine Zeitlang dem großen Napoleon Widerstand geleistet. England aber ist flach, und in der Ebene zeigt sich die Ueberlegenheit der taktischen Kunst. Nein, nur auf der Flotte beruht Englands Heil.“
Eine Depesche des Vizekönigs von Indien wurde dem Präsidenten überbracht: