„Ich habe damit doch nur in sehr bescheidenem Maße vergolten, was Sie für uns getan,“ erwiderte Mr. Kennedy. „Uebrigens hatte es gar keine Schwierigkeiten. Ich habe dem Gouverneur gesagt, daß Sie ein Deutscher und ein Freund meiner Familie seien, der einer englischen Dame und mir selbst die wertvollsten Dienste erwiesen habe. Ihren militärischen Charakter aber glaubte ich allerdings mit gutem Gewissen verschweigen zu dürfen, denn aus ihm hätten sich doch leicht allerlei Schwierigkeiten ergeben können. Ich für meine Person mache mir bei allem Patriotismus keinen allzu großen Vorwurf aus diesem Verschweigen. Denn welche militärischen Geheimnisse könnten Sie in Berlin verraten? Unsere Mißerfolge liegen vor aller Augen klar erkennbar da. Und alle Zeitungen sind mit Nachrichten und Vermutungen angefüllt.“

„Allerdings. Der eigentliche Zweck meiner Reise ist durch die Ereignisse überholt und gegenstandslos geworden.“

„Dieser Zweck war — um es ohne Beschönigung zu sagen — Spionage. Nicht wahr, Mr. Heideck?“

„Spionage in demselben Sinne, wie die Entsendung von Botschaftern, bevollmächtigten Ministern und Militär- oder Marine-Attachés Spionage ist,“ entgegnete Heideck sichtlich verdrossen.

„O, ich finde da doch einen kleinen Unterschied. Alle diese Herren nennen von vornherein ihren Namen wie ihr Amt, und sie werden in ihrer diplomatischen Eigenschaft ausdrücklich beglaubigt.“

„Es liegt mir fern, Mr. Kennedy, mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen, denn ich habe nicht den geringsten Anlaß, mich meiner Mission zu schämen. Jede Armeeleitung muß über die militärischen Zustände der anderen Mächte unterrichtet sein, auch wenn kein bestimmter Krieg erwartet oder geplant wird. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, muß man die Kräfte und Hülfsquellen der anderen Mächte kennen, gleichviel, ob sie im Kriegsfalle als Gegner oder als Bundesgenossen in Betracht kämen.“

Mr. Kennedy antwortete scheinbar erbittert:

„Es scheint fast, als ob wir Engländer diese Vorsicht gröblich vernachlässigt hätten. Die Russen würden uns schwerlich überrumpelt haben, wenn wir verstanden hätten, mit deutscher Klugheit zu rechnen.“

„Nun, ich glaube kaum, daß man von englischer Seite wesentlich anders verfahren ist als von der unsrigen. Ihre Regierung dürfte ebenso wie die deutsche überallhin Offiziere entsandt haben, um sich zu unterrichten. Wie der Generalstab in Berlin Nachrichten über alle fremden Heere, Festungen und Grenzen sammelt, geschieht es ohne Zweifel auch in London. Es ist das übrigens ein rein theoretisches Verfahren, ebenso wie die Aufstellung von Kriegsplänen für alle Fälle. In Wirklichkeit pflegt es dann immer wesentlich anders zu kommen. Der gegenwärtige Krieg liefert dafür ja den besten Beweis. Ich bin hierher entsandt worden, um die anglo-indische Armee und die russisch-indischen Grenzverhältnisse zu studieren, ohne daß wir einen nahe bevorstehenden Krieg ahnten und ohne daß wir etwa geplant hätten, Indien anzugreifen. Das Unsinnige einer solchen Idee läge ja auch auf der Hand. Wenn Sie mich übrigens für einen Spion halten, Mr. Kennedy, so bitte ich Sie dringend, keinerlei Rücksicht zu nehmen und dem Gouverneur meinen wahren Charakter zu nennen. Ich bin jederzeit bereit, mich vor den englischen Behörden zu verantworten.“