Mr. Kennedy streckte ihm seine Hand entgegen.
„Sie haben mich mißverstanden, mein lieber Mr. Heideck! Ihre persönliche Ehrenhaftigkeit ist für mich so hoch über jedem Zweifel erhaben, daß es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kommen konnte, Sie auf eine Stufe zu stellen mit jenen Spionen, denen man den Prozeß macht, wenn man sie erwischt.“
In diesem Augenblick kam einer der weißgekleideten, barfüßigen Kellner gelaufen und schrie in den Saal hinein:
„Großer Sieg bei Delhi! Die russische Armee vollständig geschlagen!“
Und triumphierend schwenkte er ein bedrucktes Papier in seiner Rechten.
Mr. Kennedy fuhr in die Höhe, riß dem Burschen das Blatt aus der Hand und las die von der ‚Bombay-Gazette‘ ausgegebene Nachricht.
„Wahrhaftig, es ist so!“ rief er mit freudestrahlendem Gesicht. „Ein Sieg! Ein großer, entscheidender Sieg! Dem Himmel sei Dank — das Kriegsglück hat sich gewendet.“
Er beschenkte den Ueberbringer der Freudenbotschaft mit einem Goldstück und eilte, den Damen die große Neuigkeit mitzuteilen. Heideck aber blieb nachdenklich zurück. Im Hotel wurde es bald lebhaft. Die Engländer liefen hin und her und riefen einander den Inhalt der Depesche zu. Allmählich machte sich auch in den Straßen eine wachsende Erregung bemerkbar. In dem sogenannten Fort, dem europäischen Teile von Bombay, wurden Fackeln angezündet und Freudenschüsse abgefeuert. Heideck nahm einen der vor dem Hotel haltenden Einspänner und befahl dem Kutscher durch die Stadt zu fahren. Hier konnte er wahrnehmen, daß der Jubel sich durchaus auf das Fort beschränkte. Sobald der Wagen die eigentliche Stadt erreichte, bot sich ihm das gewohnte Bild, das er schon von seinem ersten Aufenthalt her kannte und das ganz und gar nichts von dem Eintritt außerordentlicher Ereignisse erkennen oder vermuten ließ. In den engen Gassen herrschte trotz der vorgerückten Stunde ein geschäftiges Treiben. Alle Häuser waren erleuchtet und alle Türen geöffnet, so daß man in das Innere der primitiven Wohnungen blicken, die Handwerker bei ihrer Arbeit, die Händler bei ihren Geschäften und die Hausfrauen bei ihren oft sehr intimen häuslichen Verrichtungen beobachten konnte. Um den Krieg kümmerte man sich hier augenscheinlich ebenso wenig wie um die schreckliche Würgerin der indischen Bevölkerung, die Pest, und die Siegesdepesche, die doch ohne Zweifel auch in der Eingeborenenstadt bekannt geworden war, hatte offenbar nicht den geringsten Eindruck gemacht.