Gegen elf Uhr kehrte Heideck in das Hotel zurück, wo er die Familie Kennedy mit Edith noch in eifriger Unterhaltung auf der Terrasse antraf. Der alte Herr schien plötzlich um ein Jahrzehnt verjüngt.

„Natürlich werden wir jetzt nicht abreisen,“ erklärte er. „Sobald die Russen den Norden wieder geräumt haben, kehren wir nach Simla zurück.“

Heideck sagte nichts dazu, und als bereite ihm die so offen kundgegebene Herzensfreude der Engländer eine peinliche Empfindung, verabschiedete er sich sehr bald, um in sein Zimmer hinaufzugehen, das ebenso wie dasjenige Ediths im zweiten Stockwerk gelegen war.

Nach der Sitte des Landes hatten sämtliche Räume Türen nach dem breiten Balkon, der das ganze Stockwerk als Außengalerie umgab. Und da ihm ein Blick Ediths wiederholt hatte, daß er sie dort erwarten möge, trat Heideck auf diese Galerie hinaus. Seine Geduld wurde nicht allzu hart auf die Probe gestellt. Auch sie mußte bald Gelegenheit gefunden haben, sich aus der Gesellschaft der Kennedys loszumachen, denn früher noch als er gehofft hatte, sah er ihre weiße Gestalt auf sich zukommen.

„Ich danke dir, daß du mich erwartet hast,“ sagte sie, „aber wir können hier nicht bleiben, da wir keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher wären. Laß uns lieber in mein Zimmer gehen.“

Heideck folgte ihr zögernd. Aber er wußte, daß Edith es als eine Beleidigung empfinden würde, wenn er gegen ihre Aufforderung ein Bedenken äußern würde, denn im felsenfesten Vertrauen auf seine ritterliche Ehrenhaftigkeit schien sie in der Tat keine Besorgnis zu kennen. Nur der schwache Schein des Mondes erfüllte das Gemach mit einer matten Helligkeit. Vom Turme der nahen Universität schlug es zwölf.

„Das Schicksal treibt ein sonderbares Spiel mit uns,“ sagte Edith, die sich in einen der kleinen Korbsessel niedergelassen hatte, während Heideck in der Nähe der Tür stehen geblieben war, „ich gestehe dir, daß ich seit dem Eintreffen der Siegesnachricht ein paar fürchterliche Stunden verlebt habe, denn die Kennedys haben ja auf diese Nachricht hin ihre Reiseabsichten aufgegeben, und sie scheinen es für ganz selbstverständlich zu halten, daß ich mit ihnen hier in Indien bleibe.“

„Und würdest du nicht in der Tat vorerst dazu gezwungen sein, liebste Edith?“

„Auch du also hast bereits mit dieser Möglichkeit gerechnet? Du würdest dich nicht besinnen, ohne mich zu reisen? Vielleicht sogar mit einem Gefühl der Erleichterung, von mir befreit zu sein?“

„Wie kannst du solche Gedanken aussprechen, Edith, an die du selbst doch wohl nimmermehr glauben kannst?“