[XXIX.]
Nach der mit Heideck getroffenen Verabredung sollte Brandelaar bei seiner Rückkehr von Dover in Vlissingen anlegen, und der Major hatte die Wachtschiffe in der Mündung der Westerschelde angewiesen, die Smack unbehelligt und ohne Aufenthalt passieren zu lassen. Aber er wartete von Tag zu Tag vergeblich auf den Schiffer. Das Wetter konnte nicht an der Verzögerung schuld sein; denn für einen Mann von Brandelaars Wagemut war es gewiß nicht zu schlecht gewesen. Fast während der ganzen Zeit hatte ein mäßiger Nordwind geweht, so daß ein geschickter Schiffer die Fahrt von Dover nach Vlissingen recht wohl in einem Tage hätte zurücklegen können.
Es mußten also andere Ursachen sein, die den Mann noch immer drüben zurückhielten. Und Heideck fing schon an zu fürchten, daß entweder seine oft bewährte Menschenkenntnis ihn diesmal doch im Stiche gelassen habe, oder daß Brandelaar in England das Opfer irgend einer Unvorsichtigkeit geworden sei.
Für heute — es war eine volle Woche seit der Abfahrt des Schiffers vergangen — hoffte er am allerwenigsten auf seine Wiederkehr. Denn der Nordwind hatte sich gegen Abend fast bis zum Sturm gesteigert und rüttelte ungeberdig an den Fenstern des Hotelzimmers, in dem Heideck noch um Mitternacht am Schreibtisch saß.
Ein leises Klopfen veranlaßte ihn von seiner Arbeit aufzusehen. Wer konnte noch in dieser späten Stunde zu ihm kommen? Eine Ordonnanz aus seinem Tag und Nacht geöffneten Bureau war es sicherlich nicht, denn Soldatenfinger pflegen kräftiger zu klopfen.
Auf sein ‚Herein‘ öffnete sich zögernd die Tür, und Heideck sah in dem matt erleuchteten Korridor eine schlanke Gestalt in langem Wachstuchmantel mit großem Schifferhute, dessen Krempe tief in die Stirne gedrückt war.
Von einer tollen Vermutung durchzuckt, sprang Heideck auf. Noch in demselben Augenblick aber riß der vermeintliche Jüngling den Hut herab und breitete mit einem Jubelschrei die Arme aus:
„Mein teurer — mein geliebter Freund!“
„Edith!“