Heideck hätte gern noch mehr erfahren, doch der Fürst hatte der berauschenden Mischung wohl schon über seine Kräfte zugesprochen. Er fing an, leichtfertige französische Chansons zu singen, um dann plötzlich auf schwermütige russische Volkslieder überzugehen. An ein halbwegs vernünftiges Gespräch war in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht mehr zu denken.

Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu Teil. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich und ein schöner, schlanker Bursche von höchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.

Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine Maskerade gewirkt haben würde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit einer rotseidenen Schärpe umgürtet und die weiten roten Beinkleider verschwanden an den Knieen in hohen, glänzenden Lackstiefeln, deren elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Füße erkennen ließ. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf die Schultern des knabenhaften Jünglings herab. Das schöne, längliche Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den großen, blauen Augen aber blitzte die Energie eines starken Temperaments.

Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Fürst aufgehört zu singen.

„Ah, Georgij —“ stammelte er.

Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und hatte den plötzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Fürst Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und ließ sich hinausführen, ohne seinem deutschen Kameraden eine ‚Gute Nacht‘ zu wünschen.

Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß dieser schlanke Page ein verkleidetes Mädchen wäre. Der schöne Wuchs und der seltsame Ausdruck ungebändigter Naturkraft in den wunderbar regelmäßigen Zügen waren unverkennbar Eigentümlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Räubers, wie auch Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen Fürstengeschlechter angehörte, die einst als echte Raubritter in dem von Rußland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust hatten.