[IV.]

Die Angabe des Hauptmanns Heideck, daß er für ein Hamburger Handelshaus reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb er die kaufmännischen Geschäfte, die ihm als Maske für den wirklichen Zweck seiner Reise dienten, mit größtem Ernst.

Er hatte von dem Chef des Großen Generalstabes den Auftrag erhalten, die militärischen Verhältnisse in Indien und die strategische Bedeutung der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter Urlaub bewilligt worden.

Aber der General hatte ihm ausdrücklich erklärt:

„Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt mit den Engländern geraten sollten, würden wir in keiner Weise die Verantwortung für Ihre Taten und Erlebnisse übernehmen können. Sie erhalten einen Paß auf Ihren richtigen Namen, aber natürlich ohne Erwähnung Ihrer militärischen Eigenschaft. Daß wir Sie bei einer etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverständlich. In einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener Takt muß Ihnen Führer sein.“

Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische Geschäftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus über Allahabad in die nördlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen, Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner Geschäfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden und durch den Kaiberpaß nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit Rücksicht auf diesen Plan hatte er die nähere Bekanntschaft mit dem Russen gesucht. Er wurde sich klar darüber, daß dieser von seiner Regierung einen ähnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und gewisse Andeutungen des Fürsten hatten ihn in der Vermutung bestärkt, daß er die nämliche Reiseroute zu wählen gedenke. So konnte es für den deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen Kameraden anschloß, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle Empfehlungen zu verschaffen vermochte. —

Die gehaltvolle Bowle des Fürsten machte sich noch in einigen unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frühe des nächsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.

Es war ein indischer Frühlingsmorgen von strahlender Schönheit, in den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale des Indus unter dem 29° nördlicher Breite etwa die Temperatur des römischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersäule des Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber waren erquickend kühl und die Nächte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen sogar empfindlich kalt.

Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des Maharadjah geladen, um über das beabsichtigte Indigogeschäft mit ihm zu verhandeln.

Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es war ein inmitten eines großen Gartens gelegenes einstöckiges Gebäude mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weißen Rasse, blieb diese lästige Unbequemlichkeit erspart. Der in weißen Musselin gekleidete und zum Zeichen seiner Würde mit einer breiten roten Schärpe umgürtete Pförtner führte ihn vielmehr gleich in das ganz europäisch ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.