Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl, daß mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich heute den Schleier des Geheimnisses lüfte, mit dem ich in Indien aus naheliegenden Gründen seine Beziehungen zu mir umgeben mußte. Georgij war ein Mädchen, und sie hat mir jahrelang näher gestanden als irgend jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besaß sehr wenig von dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste Geschöpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Länder zweier Erdteile begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgüte, von unbändigem Stolz und selbstloser, hingebender Zärtlichkeit; ein Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, daß sie niemals von der Macht, die sie über mich besaß, Gebrauch gemacht hätte, denn sie war stolz und wußte zu herrschen.

Einmal — es war im Beginn unserer indischen Reise — hatte ich, aufs äußerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen sie erhoben. Ein einziger Blick des Mädchens brachte mich sofort zur Besinnung, noch ehe die Züchtigung erfolgt war. Und später, als mein Blut sich längst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden Zorn noch immer in den Augen: ‚Hättest du mich wirklich geschlagen, so wäre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte hätte mich je bestimmt, zu dir zurückzukehren.‘ Ich lachte über ihre Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die Schreckensnachricht brachte, man führe Sie zum Tode. Nie zuvor hatte ich das Mädchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem Augenblick. Ihre Augen glühten und ihr ganzer Körper zitterte. Es war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwärts treiben, damit ich den rechten Moment nicht versäume. Ich war selber zu bestürzt, um mir über die seltsame Erregung des Mädchens lange den Kopf zu zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglückt war, als Sie sich geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte, um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie in einen solchen Paroxismus der Freude, daß mir wahrhaftig nicht das geringste hätte an ihr gelegen sein müssen, wenn ihr Jubel nicht einen bösen eifersüchtigen Verdacht in mir wachgerufen hätte. Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort gab — es war eben ihr und mein Unglück, daß ich die Reitpeitsche gerade in der Hand hatte — dann war das Häßliche geschehen, das ich lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen machen möchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von sich zugeben. Aber im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch nach Simla ließ ich überall nach ihr suchen, ohne daß einer meiner Leute ihre Spur gefunden hätte. Ich selbst gab sie schon damals für immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurückgekehrt waren und nach Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische Gewänder gekleideten Mädchen berichtet, das in der Nähe unserer Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij ähnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mädchen forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen hätte, und unter den rasch wechselnden Eindrücken des Krieges begann ihr Bild langsam in mir zu verblassen.

Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm, gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von den Engländern gelegten Hinterhalt, der dem größeren Teil meiner Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des Gefechtes ein Schuß in den Rücken aus dem Sattel geworfen. Man hielt mich für tot, und die wenigen meiner Gefährten, die sich durch die Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen mitzunehmen. Als ich aus langer Bewußtlosigkeit wieder erwachte, sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz zurückgebliebenen Toten und Verwundeten ausplünderte. Einer der braunen Teufel näherte sich auch mir. Und als er sah, daß ich mich aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, stürzte er mit geschwungenem Säbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem Kopf geführten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt. Aber im selben Augenblick, als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rückwärts und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren wohlgezielten Schuß das Leben gerettet hatte.

Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes Stück voraus gewesen. So war es ihr möglich geworden, mich zu retten.

Ich war zu sehr entkräftet, um viele Fragen an sie zu richten, und über den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner Erinnerung wie ein Schleier.

Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine unverwüstliche Natur. Wie groß meine Sehnsucht war, Georgij wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir über ihren Verbleib Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage plötzlich aufgetaucht war, ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal muß ich mich wohl mit der Ueberzeugung abfinden, daß ich sie für immer verloren habe. Noch auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften Beförderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.

Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich so lange bei einer persönlichen Angelegenheit verweilte, die für Sie ja am Ende nur wenig Interesse haben kann.

Von den mannigfachen Wechselfällen dieses Krieges, der nun schon Werte von ungezählten Millionen vernichtet und Hunderttausende hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut unterrichtet wie ich. Ich möchte Sie fast darum beneiden, daß es Ihnen noch vergönnt ist persönlich Zeuge der großen Ereignisse zu sein, während ich zu der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilt bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die Opfer, die er den Völkern auferlegt, sind zu groß, um noch Monate hindurch getragen zu werden. Alles drängt einer raschen Entscheidung zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Engländer teilweise aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so würde doch ein einziger großer Seesieg der verbündeten Mächte den Ausschlag zu Ungunsten Großbritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf beiden Seiten gezögert, diese Entscheidung herbeizuführen, aber man lebt hier der Ueberzeugung, daß schon die nächsten Wochen endlich die längst mit Spannung erwarteten großen Ereignisse auf dem Wasser bringen werden.

Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der ausländischen Presse vielfach einer abfälligen Kritik unseres Friedensvertrages mit Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen Feldzuges das Kriegsglück zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf um Indien war für Rußland so wichtig, daß es seine Kräfte nicht länger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brücken bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschluß dieses Friedens gehabt hat, eine sehr populäre Persönlichkeit auch hier in Rußland geworden.