Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persönlich nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen muß eine gewaltige Persönlichkeit sein.

Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege über Berlin an Sie gelangen, denn ich weiß nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich hoffe, daß er richtig in Ihre Hände kommt und daß Sie gelegentlich einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen

Ihren alten Freund

Tschadschawadse.‘

Heideck hatte den in französischer Sprache geschriebenen Brief des Fürsten, den er nach seiner Rückkehr aus Antwerpen vorgefunden, rasch überflogen. Nicht einmal die Kunde von der ehrenvollen Auszeichnung, die ihm durch die Verleihung des russischen Ordens zu teil geworden war, hatte einen Schimmer der Freude auf seinem ernsten Antlitz hervorzurufen vermocht. Der liebenswürdige russische Fürst und sein schöner Page, sie waren ihm wie Gestalten aus einer fernen, unendlich weit hinter ihm liegenden Zeit. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihn so tief erschüttert, daß ihm fremd und gleichgültig geworden war, was vielleicht noch wenige Tage vorher seine lebhafteste Anteilnahme erweckt haben würde.

Die Ordonnanz meldete einen Mann in Seemannstracht, und Heideck wußte, daß es nur Brandelaar sein konnte. Die Auskunft, die er von Dover mitgebracht, hatte der Schiffer bereits am Morgen dem stellvertretenden, diensttuenden Offizier übergeben. Wenn es auch nicht gerade militärische Geheimnisse waren, die damit zur Kenntnis der deutschen Heeresleitung gelangten, so befanden sich unter den mancherlei Nachrichten doch einige, die von Bedeutung für die Dispositionen des Prinz-Admirals werden konnten.

Heideck nahm an, daß Brandelaar jetzt gekommen sei, um sich die versprochene Belohnung zu holen. Als der Schiffer indes nach Empfang des Geldes noch immer seinen Hut zwischen den Fingern drehte, wie jemand, der mit einem peinlichen Auftrag oder Anliegen nicht recht herauszukommen wagt, fragte Heideck verwundert:

„Wünschen Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Brandelaar?“

Nur zögernd kam es über die Lippen des Mannes: „Jawohl, Herr Major! — Ich sollte noch einen Gruß bestellen. Der Herr Major werden wohl wissen, von wem.“

„Ich glaube es zu erraten. Sie haben die Dame also seit dem gestrigen Abend noch einmal gesehen?“