„Königliche Hoheit sind nicht zutreffend unterrichtet worden. Eine Absicht, England zu vernichten, besteht weder bei uns, noch bei einem unserer Verbündeten. Allerdings herrscht darüber volle Einigkeit, daß dieser furchtbare Krieg nicht vergebens geführt sein darf und daß der Preis auch der Größe der Opfer entsprechen muß, mit denen er erkauft wurde.“
„Und wem soll dieser Preis zufallen?“
„Allen Nationen, Königliche Hoheit! Denn es wäre ein Frevel gewesen, diesen Weltenbrand zu entzünden, wenn es nicht in der sicheren Voraussetzung geschehen wäre, daß seine läuternden Flammen den Boden vorbereiten würden für das Glück und den Frieden der Völker. Jahrhundertelang hat Britannien seine Machtmittel dazu mißbraucht, die eigenen Reichtümer auf fremde Kosten zu vermehren. Skrupellos wußte es alles an sich zu raffen, was ihm erreichbar war, und damit, daß es bei jedem Schritt wichtige Lebensinteressen anderer Nationen verletzte, forderte es jenen Widerstand heraus, der jetzt die Zertrümmerung seiner Weltmacht-Stellung herbeigeführt hat. Das Glück der Völker erblüht nur aus einem auf lange Zeit hinaus gesicherten Frieden, und nur eine gerechte Verteilung des Besitzes der Erde kann den Weltfrieden gewährleisten. Darum wird England notwendig einen wesentlichen Teil seines überseeischen Besitzes ausliefern müssen. Rußland will den Weg zum indischen Ozean freihaben, denn nur wenn es eine genügende Anzahl von Häfen hat, die das ganze Jahr hindurch offen bleiben, werden die ungeheuren Reichtümer seines Bodens aufhören ein toter Besitz zu sein. Und Frankreich — —“
„Bleiben wir zunächst bei Rußland, Exzellenz! Hat die russische Regierung ihre Forderungen bereits formuliert?“
„Diese Forderungen ergeben sich im wesentlichen schon aus der Kriegslage, denn sie gipfeln in der Abtretung von Britisch-Indien an Rußland. Was unser östlicher Nachbar darüber hinaus anstreben wird, soll weniger zu seiner Bereicherung, als zur Sicherung des europäischen Friedens dienen. Die ständige Gefahr, die der Ruhe Europas aus dem Wetterwinkel der alten Welt, der Balkanhalbinsel, droht, muß endlich beseitigt werden. Unter den beteiligten Mächten ist ein grundsätzliches Einverständnis darüber erreicht worden, daß die Interessen-Sphären Rußlands und Oesterreichs auf dem Balkan in einer Weise abzugrenzen sind, die eine definitive Regelung der Verhältnisse in den Balkanstaaten zur Folge hat. Es ist die Rede von einem selbständigen Königreich Macedonien unter der Herrschaft eines österreichischen Erzherzogs. Das Aequivalent für diesen Zuwachs der österreichischen Macht gegenüber dem russischen Reiche wird allerdings erst auf dem Haager Kongreß endgültig gefunden werden müssen. Jedenfalls aber soll den Gefahren, die dem europäischen Frieden von Bulgarien, Serbien und Montenegro her drohen, für die Zukunft wirksam vorgebeugt werden.“
„Aber fürchten Sie denn nicht, daß sich der Sultan einem solchen Ausgleich, der doch im wesentlichen auf Kosten der Türkei erfolgt, widersetzen wird?“
„Der Sultan wird sich der Macht der Verhältnisse beugen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, Königliche Hoheit, daß der europäische Besitzstand der Türkei bisher viel weniger durch geheiligte Anrechte der Pforte als durch die Uneinigkeit der Großmächte aufrecht erhalten wurde. Die unaufhörlichen macedonischen Wirren haben gezeigt, daß der Sultan ebensowenig die Kraft als den guten Willen hat, den unter seiner Herrschaft stehenden Balkanländern eine den Forderungen moderner Kultur entsprechende Verwaltung zu geben. Wenn die Pforte den Rückhalt verliert, den sie bisher an England hatte, entfällt für den Sultan zugleich jede Möglichkeit eines ernsthaften Widerstandes.“
„Und was ist hinsichtlich Aegyptens geplant?“
„Aegypten bedeutet den Siegespreis für Frankreich, dem damit ja nur das zurückgegeben wird, was es auf Grund einer glorreichen Geschichte mit Recht beanspruchen darf. Die Souveränität des Sultans, die ja lediglich eine Formsache ist, wird auch weiter bestehen bleiben. Aber die Stellung, die jetzt England in Aegypten einnimmt, wird — mit einer Einschränkung allerdings — von nun an Frankreich zufallen.“