Ernsthafte kriegerische Operationen kamen zwar kaum noch in Frage, denn die Voraussetzung, daß die Landung großer feindlicher Heere tatsächlich das Ende des Feldzuges bedeuten würde, hatte sich als zutreffend erwiesen.

Bei dem Widerstand, den englische Truppenkörper den Franzosen auf ihrem Vormarsche gegen London zu leisten versucht, hatten zwar die englischen Freiwilligen ihre Tapferkeit und ihren patriotischen Opfermut im hellsten Lichte gezeigt, aber sie hatten den Siegeslauf des besser geleiteten Gegners nicht mehr aufhalten können. So war der Abschluß eines Waffenstillstandes zum Zwecke von Verhandlungen über den von England angebotenen Frieden erfolgt, noch ehe die von Schottland her vorrückenden deutschen Truppen Gelegenheit gehabt hatten, in die kriegerischen Ereignisse zu Lande einzugreifen.

Der Friedensschluß, von allen Kulturnationen des Erdballs herbeigesehnt, konnte als gesichert gelten, wenn auch kein Zweifel darüber bestand, daß seiner endgültigen Unterzeichnung noch lange und schwierige Verhandlungen würden vorausgehen müssen. Der von dem deutschen Reichskanzler angeregte Gedanke, einen allgemeinen Kongreß nach dem Haag einzuberufen, auf dem nicht nur die kriegführenden Parteien sondern alle Regierungen vertreten sein sollten, hatte allgemeine Zustimmung gefunden, da alle Staaten an der Neugestaltung der Machtverhältnisse interessiert waren. Die Erledigung der Friedenspräliminarien aber mußte zunächst Sache der kriegführenden Mächte sein, und es waren zu diesem Zwecke außer dem deutschen Reichskanzler, Freiherrn von Grubenhagen, der französische Minister des Auswärtigen, Delcassé, und der russische Staatssekretär Witte, in Begleitung des Grafen Lambsdorff, mit einem ganzen Stabe von Beamten und diplomatischen Hilfsarbeitern in Schloß Hampton Court eingetroffen.

Die Vorverhandlungen zwischen diesen Staatsmännern und den englischen Bevollmächtigten, dem Premierminister und ersten Lord des Schatzes Balfour und dem Lordpräsidenten des Geheimen Rates, Marquis von Londonderry, wurden mit rastlosem Eifer betrieben. Ueber ihr bisheriges Ergebnis aber wurde von allen Beteiligten das strengste Stillschweigen bewahrt.

Dafür, daß die Heerführer sich trotz der beginnenden Friedensverhandlungen nicht der Untätigkeit hingaben, war das Verhalten des Prinz-Admirals ein augenfälliger Beweis. Obwohl er sich der diplomatischen Aktion ganz fernhielt und sich lediglich mit den militärischen Angelegenheiten befaßte, war für ihn nicht nur jede Minute des Tages, sondern auch ein guter Teil der Nachtstunden ausgefüllt durch Arbeiten und Besprechungen mit den Herren seines Stabes, mit den leitenden Offizieren der Landarmee, sowie mit den Oberkommandos der verbündeten französischen und russischen Armee. Jedermann war voll Bewunderung für die nie versagende Frische und die unermüdliche Arbeitskraft des Prinzen, dessen hohe, schlanke Germanengestalt und dessen blondbärtiges Antlitz mit den ruhigen klaren Seemannsaugen auf niemanden, der ihm nahetrat, ihre imponierende Wirkung verfehlten. Nur sein kaiserlicher Bruder, der alle Fäden der politischen Aktion in der Hand hielt, mochte den Prinzen in der traditionellen Hohenzollern-Arbeitskraft in dieser großen Zeit noch übertreffen.

Es war nahe an Mitternacht, als nach einer langen, mit großer Lebhaftigkeit geführten Beratung der französische General Jeannerod das Arbeitskabinett des Prinzen verließ. Die Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der diensttuende Adjutant des Prinzen mit einem merklichen Ausdruck des Erstaunens im Klang der Stimme meldete:

„Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler, Freiherr von Grubenhagen!“

Bis in die Mitte des Zimmers ging der Prinz dem Eintretenden entgegen und schüttelte ihm kräftig die Hand.

„Ich danke Ihnen, Exzellenz, daß Sie trotz der späten Stunde und trotz der Arbeitsüberhäufung meiner Bitte um eine Unterredung noch heute Folge geleistet haben. Ich hatte zu dieser Konferenz einen besonderen Grund, den Sie verstehen werden, wenn ich Ihnen sage, daß allerlei Gerüchte von übertriebenen Forderungen unserer Verbündeten zu mir gedrungen sind. Mein bisheriges Verhalten wird Ihnen ein Beweis dafür sein, daß ich nicht die Absicht habe, mich in die diplomatischen Verhandlungen einzumischen oder gar einen Einfluß in dem einen oder andern Sinne auszuüben. Ich fühle mich hier nicht als Staatsmann, sondern nur als Soldat, und gerade deshalb, meine ich, können Sie um so offener zu mir sprechen. Man sagte mir, es sei bei der Feststellung der Friedensbedingungen auf eine völlige Vernichtung Englands abgesehen.“

Der Kanzler, dessen männlich-charaktervollem Gesicht trotz der fast übermenschlichen Arbeitsleistungen nichts von Erschlaffung anzumerken war, sah dem Prinzen freimütig ins Auge und bewegte verneinend den Kopf.