„Es wird nicht leicht sein, die Annahme dieser Bedingungen bei der englischen Regierung durchzusetzen. Doch Sie haben noch nicht von den Forderungen Deutschlands gesprochen, — Antwerpen berührt nicht direkt die Interessen Englands.“

„Die Politik der deutschen Regierungen wird darin gipfeln, sich gefestigte handelspolitische Beziehungen zu England und seinen Kolonieen und eine Abrundung unseres kolonialen Besitzes zu sichern. Für Deutsch-Südwestafrika verlangen wir deshalb die Walfischbai, den einzigen guten Hafen, der als englisches Besitztum jetzt wie wildes Fleisch mitten im Körper unserer jungen südwestafrikanischen Kolonie sitzt. Außerdem aber müssen wir darauf bestehen, daß auch die ostafrikanischen Gebiete, die wir im Austausch gegen Helgoland aufgegeben haben, uns zurückgegeben werden. Dieser schwere Fehler der deutschen Politik muß ausgeglichen werden, denn die Ueberlassung des Protektorats über Zanzibar an England war ein Schlag, der nicht allein den Eifer unserer besten Kolonialfreunde lähmte, sondern auch unsere ostafrikanischen Kolonieen entwertete.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, Exzellenz, ist Ihre Politik darauf gerichtet, den kolonialen Bestrebungen Deutschlands eine festere Basis zu geben.“

„Dies halte ich allerdings für eine der wichtigsten Forderungen unserer Zeit. Wir müssen nachholen, was die Politik der letzten Jahrhunderte verabsäumt hat. Zu derselben Zeit, da Eurer Königlichen Hoheit großer Ahnherr um eine Handbreit Landes, um das kleine Schlesien, sieben Jahre hindurch Krieg führte, gelang es der weitausschauenden englischen Politik, sich mit geringen Opfern in den Besitz von unermeßlichen Ländergebieten zu bringen, die in ihrer Gesamtheit den ganzen europäischen Kontinent weit übertrafen.“

„England war eben seit Jahrhunderten eine Seemacht, die ihr Bestreben auf den Erwerb überseeischer Kolonieen richten mußte.“

„Und was hätte Preußen gehindert, schon vor Jahrhunderten eine achtunggebietende Seemacht zu werden? Unser Unglück war es, daß die gewaltigen Ideen und weitblickenden Absichten des Großen Kurfürsten an der Unzulänglichkeit seiner Mittel scheitern mußten. Hätten seine Nachfolger fortgesetzt, was er begonnen, so hätte Großbritanniens Macht sich niemals zu solcher Höhe emporheben können. Denn auch wir würden uns dann schon in den früheren Jahrhunderten den uns gebührenden Anteil in den außereuropäischen Erdteilen rechtzeitig gesichert haben.“

Der Prinz blickte sinnend vor sich hin. Nach einem kurzen Schweigen fuhr der Reichskanzler fort:

„Königliche Hoheit werden darüber unterrichtet sein, daß in den Niederlanden die feste Absicht besteht, sich im Interesse der Selbsterhaltung dem Deutschen Reiche als ein Bundesstaat anzugliedern, wie es nach dem deutsch-französischen Kriege Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und die übrigen deutschen Staaten getan haben. Damit würden dann auch die reichen und ausgedehnten niederländischen Kolonieen zu deutschen Kolonieen werden, d. h. sie würden unter Fortbestand der holländischen Verwaltung in den politischen Verband der übrigen deutschen Kolonieen mit eintreten. Auf die niederländische Bevölkerung hat es einen sehr guten Eindruck gemacht, daß wir beabsichtigen, das Unrecht wieder gutzumachen, das England den Buren zugefügt hat. Die Burenstaaten sollen unter Wiederherstellung ihrer Selbständigkeit in dasselbe Verhältnis zu uns treten, in dem sie vor dem Burenkriege zu England standen.“

„Das heißt also: Selbstverwaltung unter Anerkennung der deutschen Oberhoheit. Nun ja, sie sind der Niederländer Stammverwandte. Aber, mein bester Baron, wird das deutsche Volk nicht erschrecken vor den Konsequenzen einer Erweiterung unseres überseeischen Besitzes? Ein größerer Kolonialbesitz erfordert auch eine größere Flotte. Denken Sie doch an die Kämpfe, die die verbündeten Regierungen zu führen hatten, um im Parlament eine Vergrößerung der deutschen Flotte selbst im bescheidenen Umfange durchzusetzen!“

„Diese Schwierigkeit fürchte ich nicht so sehr, denn das deutsche Volk hat den Wert der Flotte schätzen gelernt. Wir sind über das Stadium der tastenden Versuche hinausgekommen und haben Lehrgeld genug bezahlt. Wir müssen festhalten, was wir besitzen und zurücknehmen, was uns durch den leider so wenig kaufmännischen Geist unserer auswärtigen Politik in früheren Jahrzehnten verloren gegangen ist. Dann wird das deutsche Volk auch wieder Vertrauen zu unserer Kolonialpolitik fassen.“