„Wie aber wollen Sie die Lasten aufbringen, die notwendig sind, um unsere Flotte stark und mächtig zu machen?“

„Unsere Verhandlungen mit den befreundeten Regierungen von Frankreich und Rußland zeigen, daß in diesen Staaten ebensosehr wie im deutschen Volke der Wunsch nach einer Verminderung des Landheeres besteht. Und in Oesterreich und Italien regt sich machtvoll dasselbe Bestreben, die Landmacht zu verringern. Die Völker würden unter der Last zusammenbrechen, wenn die Ausgaben für die Armee noch weiter stiegen. Verringern wir unsere Landarmee, so gewinnen wir die Mittel zur Vermehrung unserer Marine. Jetzt, nach dem siegreichen Kriege, ist der Augenblick gekommen, wo wir auf dem ganzen Kontinent die ungeheuren stehenden Heere auf einen der finanziellen Leistungsfähigkeit der Völker entsprechenden Stand zurückführen können. Der äußere Feind ist besiegt; wir dürfen nicht daran denken, den inneren Feind durch eine übermäßige Belastung aller Stände heraufzubeschwören.“

„Sie sprachen vorhin von einem wenig kaufmännischen Geist in unserer auswärtigen Politik. Wie ist dieser Vorwurf zu verstehen?“

„Ganz buchstäblich, Königliche Hoheit! Der Vertrag, der Zanzibar aufgab, um Helgoland zu gewinnen, wäre niemals möglich gewesen, wenn unsere Diplomatie es der englischen an jenem Weitblick und jenem Verständnis für wirtschaftliche Fragen gleich täte, die ich eben nicht anders bezeichnen kann, als mit dem Ehrentitel ‚kaufmännischen Geistes‘. Dieser kaufmännische Geist ist die Triebfeder in Industrie und Landwirtschaft, in Handel und Handwerk, wie überhaupt in dem gesamten Erwerbsleben, und es ist notwendig, daß dieser kaufmännische Geist auch in unseren Ministerien als eine notwendige Voraussetzung für die Qualifikation zur Beurteilung der wirtschaftlichen Interessen des Volkes anerkannt wird. In keiner anderen Hinsicht können unsere Staatsmänner und Beamten und unsere erwerbenden Stände von unserem besiegten Gegner mehr lernen, als gerade in dieser. Daß es eine Nation von Kaufleuten ist, hat England groß gemacht, während unsere wirtschaftliche Entwicklung und unsere Geltung nach außen hin vielleicht durch nichts anderes so sehr behindert worden sind, als durch die Geringschätzung, mit der bei uns die erwerbenden Stände bis in die jüngste Zeit hinein behandelt wurden. In England stand auf der gesellschaftlichen Stufenleiter der Kaufmann stets über dem Offizier und dem Beamten. Bei uns bedeutet er neben diesen beiden Kategorieen fast einen Staatsbürger zweiter Klasse. Was in England nur als Mittel zum Zweck Geltung hat, das wird bei uns als Selbstzweck angesehen. Der Geist jener starren Bureaukratie, über die schon Fürst Bismarck geklagt hat, ist in unserem Deutschen Reiche von den niedrigsten bis zu den höchsten Stellen hinauf, leider mit nur geringen Ausnahmen, noch immer der herrschende, und aus dem mangelnden Verständnis für die Bedeutung des wirtschaftlichen Lebens resultiert dann die niedrige Wertschätzung der erwerbenden Stände. Der gesunde kaufmännische Geist, der durch das ganze englische Staatsleben geht, entzieht auch der Sozialdemokratie in England den Boden, während sie bei uns von Jahr zu Jahr an Boden gewinnt. Ich habe die Ueberzeugung, daß unser deutsches Volk die Sozialdemokratie nicht zu fürchten braucht, denn es kommt bei der Bekämpfung wirtschaftlicher Schäden weniger auf die Regierten an als auf die Regierenden.“

„Es mag manches Wahre sein in dem, was Sie da sagen, Herr Reichskanzler! Aber die Vergrößerung unseres Kolonialbesitzes wird ja in erster Linie dem Handel zu Gute kommen, und damit wird naturgemäß auch bei uns der Kaufmann zu größerer Bedeutung gelangen. Man hört ja schon jetzt von großen Plantagengesellschaften, die mit enormem Kapital ins Leben gerufen werden sollen.“

„Gerade gegen die Bildung dieser Gesellschaften denke ich meinen ganzen Einfluß geltend zu machen, Königliche Hoheit! Könnten wir doch keinen verhängnisvolleren Fehler begehen, als den, daß wir die Land- und Bodenspekulation, die in den alten Kulturstaaten so unheilvolle Früchte gezeitigt hat, auch in unseren Kolonieen staatlich privilegierten. Grund und Boden dürfen kein Spekulationsobjekt sein, sondern müssen Staatseigentum bleiben. Zu den Ständen, die heute wirtschaftlich am meisten leiden, gehört die Landwirtschaft. Nur eine Erhöhung der Schutzzölle kann die ackerbautreibende Bevölkerung vor der dringenden Gefahr des wirtschaftlichen Ruins bewahren. Mit dem erhöhten Schutzzoll wird die gesteigerte Rentabilität des Bodens eintreten, doch im Zusammenhange damit auch eine weitere Preissteigerung des Bodens, da er eben auch ein Handelsartikel ist. Mit dem Steigen der Bodenwerte wachsen dann aber gleichzeitig auch die Zinsen, die aus Grund und Boden herauszuwirtschaften sind, und ich muß aus diesem Grunde fürchten, daß trotz einer Erhöhung der Schutzzölle die Landwirtschaft schon in der nächsten Generation unter der weiteren Steigerung der Bodenpreise und den sich daraus ergebenden erhöhten Zinsanforderungen zu leiden haben wird.

Wir dürfen in unseren Kolonieen nicht in den gleichen Fehler verfallen, der in den heutigen Kulturstaaten die soziale Frage geboren hat. Nach einem höheren Gesetz, als es menschliche Unvollkommenheit geschaffen hat, gehört die Erde den Geschöpfen, die auf ihr und durch sie leben. Darum darf der Boden unserer Erde kein Handelsobjekt sein. Er ist untrennbar mit dem Staatskörper verwachsen. Ich wage nicht zu hoffen, daß es mir oder einem meiner Zeitgenossen beschieden sein wird, die soziale Frage zu lösen, doch ich werde nicht müde werden, meinen ganzen Einfluß dafür einzusetzen, eine falsche Bodenpolitik wenigstens in unseren jungen Kolonieen zu verhindern. Das Unrecht stirbt an seinen Folgen, denn mit dem Unrecht wächst zugleich sein Rächer auf. Ein verhängnisvolles Unrecht aber war es, daß die Menschheit den Boden, der sie ernährt, zum Spekulationsobjekt werden ließ. Diese unheilvolle Saat zeitigt unheilvolle Früchte. Es muß die höchste Aufgabe aller Regierungen sein, die Bodenreform, diese große, das Schicksal einer Welt entscheidende Frage, mit allen gesetzgeberischen Machtmitteln durchzuführen. Jetzt, wo nach menschlicher Voraussicht der Friede gesichert ist, wo äußere Gefahren den Bestand unseres Reiches nicht mehr bedrohen, jetzt enthebt uns nichts mehr der ernsten und heiligen Verpflichtung, mit dem größten und gewaltigsten Reformwerke der Menschheit zu beginnen. Dann führt uns unser Weg — vom Weltkrieg zum Weltfrieden.“

In demselben Augenblick öffnete sich die Tür des Gemaches, und aus den Händen eines von dem diensttuenden Adjutanten eingeführten Feldjägers nahm der Prinz einen mit der Kaiserkrone und dem Initial des kaiserlichen Namens geschmückten Brief entgegen.

Der erste Schimmer des anbrechenden Morgens fiel in die geöffneten Fenster, und durch die Wipfel der uralten Parkbäume von Hampton Court ging ein geheimnisvolles Rauschen und Raunen, wie wenn sie Zwiesprache hielten über den wunderbaren Wechsel der Geschicke, deren stumme Zeugen sie seit den fernen Tagen ihrer Jugend gewesen.