„Die russische Avantgarde hat den Amu darja überschritten und zieht das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maßregeln treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getäuscht haben. So geduldig und langmütig sind wir doch nicht, daß wir unsere lieben Nachbarn einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in Afghanistan plötzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas, gegenüber sehen.“

Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und da Heideck wahrnahm, daß der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier unter vier Augen zu sprechen wünsche, hielt er es für ein Gebot der Höflichkeit, sich zu empfehlen.

Die Worte des Obersten: ‚Das Vorgehen der Russen in Afghanistan bedeutet den Krieg‘, klangen ihm unablässig in den Ohren wieder. Er pries in seinem Herzen den glücklichen Zufall, der ihn zur rechten Zeit auf den Schauplatz großer weltgeschichtlicher Ereignisse geführt hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es anfangen könne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und Beobachter zugegen zu sein.

Daß sein russischer Freund von demselben Wunsche erfüllt sein würde, durfte er um so eher voraussetzen, als Fürst Tschadschawadse ja einer der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehörte. Er beeilte sich deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den Fürsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.

„Also wirklich! Die Avantgarde ist schon über den Amu darja! Und es wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen!“ rief der Russe in hellem Jubel aus. „In unserer Armee herrschte die Befürchtung, daß der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen würde, einen Krieg zu führen. Es müssen mächtige und unwiderstehliche Einflüsse gewesen sein, die zuletzt doch über seine Friedensliebe gesiegt haben.“

„Sie wollen natürlich so schnell als möglich zur Armee?“ fragte Heideck. Und da der Fürst bejahte, fügte er hinzu:

„Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich Ihnen anzuschließen. Wie aber kommen wir über die Grenze? Hoffentlich läßt man uns als unverdächtige Kaufleute unbehelligt passieren.“

„Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin aber müssen wir’s versuchen. Wir können mit der Bahn in zwölf Stunden in Peschawar und in fünfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien dürften augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein. Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich würden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische Truppen stoßen. Denn ich zweifle nicht, daß auch gegen Kabul hin ein russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen, nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.“

„Ich würde vorschlagen, über Peschawar und durch den Kaiberpaß zu gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.“

„Wir werden das nachher noch des näheren besprechen, Herr Kamerad! Jedenfalls ist es ausgemacht, daß wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch, daß auch auf der großen Weltbühne in diesem Augenblick Ihre Nation Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.“