Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.
Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn von Grubenhagen.
„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines Krieges denkt.“
Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:
„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder, ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot, die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne. Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen. Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als Gold, denn dem Eisen verdanken wir all’ unsern Besitz. Wozu wären denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen, um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte; wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“