Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf, waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst, namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.
Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.
Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.
„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“
Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz und sagte:
„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“
Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:
„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“