Pieter Maritz frühstückte mit seinem alten Freunde, während die Familien der andern Missionare noch unter dem Zeltdache der Wagen schliefen. Doch es schmeckte beiden nicht. Sie waren zu sehr betrübt über die bevorstehende Trennung. Nun kam der englische Unteroffizier, der sie in der vergangenen Nacht gefangen genommen hatte, und befahl Pieter Maritz, sich fertig zu machen. Es mußte Abschied genommen werden. Mit nassen Augen sattelte Pieter Maritz sein Pferd, band einen Mantelsack auf, den ihm der Missionar geschenkt hatte und worin er Lebensmittel und einige Bücher verwahrte, dann umarmte er den alten Mann und schwang sich in den Sattel. Zwei mit Gewehren bewaffnete Swazis gingen mit ihm, und so zog er weiter.

Der Marsch ging schnell vor sich, denn die schlanken nackten Swazis hatten wenig Mühe, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten. Sie schwatzten fröhlich, nahmen dankbar den Tabak an, den Pieter Maritz ihnen gab, rauchten aus ihren kleinen Pfeifen und ließen sie sogar dann nicht ausgehen, wenn es im Trabe ging. Meile nach Meile legten sie ohne Ermüdung neben dem Pferde zurück. Pieter Maritz dachte einigemal daran, sich seiner Begleiter zu entledigen. Er war überzeugt, daß sie ihn laufen lassen würden, wenn er ihnen ein Geschenk machte. Aber er hielt es nicht für recht, die Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, und der Gedanke, Gewalt zu gebrauchen und sich auf sein Pferd und sein Gewehr zu verlassen, um die Freiheit zu erlangen, lag ihm ferne. Er wollte dem Vertrauen des englischen Kommandanten, der ihm Pferd und Waffen gelassen hatte, keine Schande machen.

Der Marsch ging weit schneller, als er in Begleitung der Wagen bis jetzt gegangen war. Es kam Pieter Maritz so vor, als seien ihm Flügel gewachsen. Munteren Schrittes bewegte sich Jager, der erfreut zu sein schien, nicht mehr an den schweren Gang der Ochsen gebunden zu sein, und leicht wie Antilopen liefen die beiden Schwarzen nebenher. Das Land zeigte die Unruhe eines Grenzgebietes bei hereinbrechendem Kriege. Pieter Maritz überholte mehrere Wagenzüge, die landeinwärts gingen, und in denen sich Buernfamilien mit ihren Viehherden vor dem gefürchteten Anmarsch der Zulus retteten. Wie freute er sich, Landsleute wiederzusehen und die holländische Sprache zu vernehmen! Er aß bei einer dieser Familien zu Mittag und erkundigte sich, ob sie etwas von seiner Gemeinde wüßten. Aber die Leute wußten nichts davon, ein zu weiter Raum trennte die Bewohner des Utrechter Distrikts von denen der Ebenen im Norden.

Gegen Abend zeigten sich die dunklen Ketten des Belebasberges, und als die Sonne sank, kam Pieter Maritz durch ein Thal, vor dessen Ausgange die Stadt Utrecht lag. Jager war ermüdet, er ging langsam und senkte den Kopf; auch die Swazis schritten jetzt langsam dahin, und ihr Geschwätz war verstummt. Sie hatten zehn deutsche Meilen zurückgelegt.

Jetzt zeigten sich viele rote Feuerscheine, und dann blinkten Lichter auf, welche weit verbreitet lagen und die einzeln liegenden Häuser von Utrecht anzeigten. Dann tönten Hornsignale, und der Lärm eines Lagers ließ sich vernehmen. Die Nacht war klar und rein. Vom tiefblauen Himmel glänzten die Sterne herab, und ein warmer Wind zog aus der Ebene nach dem Gebirge hin und blies Pieter Maritz entgegen. Ein Trupp von bewaffneten Reitern erschien seitwärts des Weges und rief die Ankömmlinge an. Pieter Maritz hielt, und die Reiter kamen näher. Es waren Buern, die Büchsen über dem Rücken, den Patronengurt über der Brust, das Gesicht vom Hutrand beschattet. Sie umringten den Landsmann und die beiden Schwarzen, und einer von ihnen führte alle drei nach Utrecht hinein. In den ausgedehnten Straßen, welche zwischen Feldern und Gärten sowie vereinzelt stehenden Häusern sich hinzogen, trieb sich ein sehr verschiedenartiges Volk herum. Englische Infanteristen in ihren roten Röcken, dazwischen Buern aus Natal, die als Freiwillige im englischen Heere dienten, auch schwarze Krieger waren zu sehen, und viele Weiber, hauptsächlich Kaffernfrauen, liefen umher und trugen Körbe mit Lebensmitteln oder Krüge auf dem Kopfe, um die Truppen zu versorgen. Seitwärts der Straßen, außerhalb der Stadt, schimmerten lange Reihen der spitzen weißen Zelte, in welchen die englischen Truppen lagerten.

Vor dem ansehnlichsten Hause von Utrecht, einem zweistöckigen Gebäude, hielt der kleine Zug. Pieter Maritz sah das Haus voll Bewunderung an. Er hatte in seinem Leben noch kein so schönes Haus gesehen. Es war glänzend weiß, hatte sechs Fenster Front, alle Fenster waren von innen hell erleuchtet und hatten Glasscheiben. Pieter Maritz war noch nie in einer Stadt gewesen, welche aus Häusern europäischer Bauart bestanden hatte, und glaubte sich in ein Zauberland versetzt. Vor der Hausthür ging ein Soldat in rotem Rocke und mit weißem Helm auf und ab, und mehrere Offiziere und Unteroffiziere standen auf dem Platze davor.

Der berittene Buer teilte einem dieser Offiziere mit, daß zwei Mann von der Truppe des Kommandanten Lonsdale einen Gefangenen brächten, und nun ließ der Offizier Pieter Maritz absteigen und führte ihn in das Haus. Zugleich nahm er ein Schreiben mit, welches ihm einer der Swazis überreichte, und worin Kommandant Lonsdale wohl dem Obersten Wood Meldung über den Stand der Dinge an der Grenze abstatten mochte.

Als Pieter Maritz sich der offenstehenden Hausthür näherte, sah er den Flur mit Männern angefüllt. Rote Röcke und die Blusen der Buern mischten sich, und verwundert sah Pieter Maritz mehrere Zulus an der einen Seite dicht an der Wand hocken. Er konnte sich über die besondere Art des Kopfputzes und der Waffen dieser Leute nicht täuschen, es waren wirklich Zulus. Sie hockten am Boden, das Kinn auf den Knieen, die Hände vor den Schienbeinen verschlungen. Er mußte eine Zeitlang auf dem Flur warten und ward sich hier, wo es hell war und wo die Blicke der Engländer und Buern sich auf ihn richteten, eines Umstandes bewußt, der ihm bis jetzt nicht zur Erinnerung gekommen war: es fiel ihm ein, wie sonderbar und schlecht er gekleidet sei. Nun er die hübschen, glänzenden Anzüge der Engländer und die sauberen ordentlichen Röcke, Beinkleider und Stiefel seiner Landsleute sah, erschien ihm seine eigene Tracht, an welche er lange gar nicht gedacht hatte, in einem neuen Lichte, und er fühlte sich so beschämt, daß er nicht recht wußte, wohin er sich stellen sollte, um möglichst verborgen zu sein. Im Zululande gab es keine Schneider, die ihn mit Kleidungsstücken europäischer Mode hätten versorgen können, und Schuster gab es dort gar nicht. Die Zulus gingen barfuß, und ihre Gewänder waren zwar kunstvoll gearbeitet, aber nicht modern für die Stadt Utrecht. Da Pieter Maritz sich nicht an die Mode von Ulundi, ein schön gegerbtes Fell und einen perlenbesetzten Lendengurt, hatte gewöhnen wollen, hatte er sich damit begnügen müssen, seinen alten Anzug mit neuen Lappen zu flicken. Seine Stiefel hatten so viele neue Stücke bekommen, daß von dem ursprünglichen Leder fast nichts mehr vorhanden war. Sie waren nicht unbequem. Die Schäfte, mit Antilopenleder geflickt, schlossen sich gut an und gingen bis über die Kniee. Es waren vorzügliche Reitstiefel; aber sie waren ziemlich bunt. Ähnlich ging es mit den übrigen Stücken seines Anzugs. Der Missionar, welcher für lange Aufenthalte in wilden Gegenden vorbereitet war und in seinem Wagen allerhand Nützliches mit sich führte, hatte ihm ausgeholfen, aber buntscheckig genug waren Rock und Beinkleid und Hut.

Jetzt kam der Offizier, welcher den Brief des Kommandanten Lonsdale fortgetragen hatte, wieder zum Vorschein und winkte Pieter Maritz, ihm zu folgen. Es ging in ein großes Zimmer neben dem Flur, welches von mehreren Lampen erleuchtet war, und hier bot sich ein Anblick, der die Überraschung Pieter Maritz' vollständig machte. Sein Blick fiel zunächst auf zwei bekannte Gestalten: der Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi saßen auf Stühlen in der Mitte des Zimmers, in ihre vornehmste Tracht gekleidet: goldene Ringe auf dem Kopfe, Hals und Brust mit Ketten geziert, Mäntel von Tigerfell auf dem Rücken, in der Hand lange Elfenbeinstäbe mit zierlich geschnitzten Knäufen.

Vor ihnen saß an einem langen Tische, der mit Karten und Schriften bedeckt war, ein hoher Offizier, die Brust mit mehreren Orden geziert, und neben ihm saßen fünf andere, jüngere Offiziere. Ein Zulu, dessen schwarzes Gesicht sonderbar aus einem weißen Hemdskragen hervorsah und der die Bluse und das Beinkleid des Buern trug, stand zwischen dem Tische und den vornehmen Gesandten Tschetschwajos.