[Siebzehntes Kapitel]
Utrecht
Als die Reisenden vernahmen, daß sie nach eben dem Orte gebracht werden sollten, wohin sie schon selbst zu reisen beabsichtigten, wurde ihr Gemüt ruhig, und sie bereiteten sich, dankbar für diese Wendung, welche der Überfall nahm, zum Weitergehen. Die von den Swazis aus den Wagen gerissenen Gepäckstücke wurden wieder aufgepackt, Frauen und Kinder kletterten nach, und die Männer bestiegen ihre Pferde. Der Leichnam des erschossenen Häuptlings wurde auf des alten Missionars Verlangen von zwei Schwarzen aufgehoben und mitgenommen, denn es sollte dem christlich Gestorbenen ein christliches, feierliches Begräbnis zu teil werden. Noch eine halbe Stunde lang ging es beim Sternenlicht weiter, dann glänzte der rote Schein von Lagerfeuern, und die Reisenden sahen sich an einer großen Lagerstätte von schwarzen Kriegern angelangt. Mehr als tausend Swazis schliefen in ihren Mänteln von Tierfell am Boden, und nach europäischer Weise waren Posten ausgestellt, welche den Zug durchließen, nachdem der englische Unteroffizier das Feldgeschrei gegeben hatte. Durch die Posten und Schlafplätze hindurch rollten die Wagen vor das Gehöft, wo der englische Kommandant sein Quartier aufgeschlagen hatte.
La Trobe Lonsdale lag schon im Schlafe, doch wurde er geweckt, um die Ankömmlinge sprechen zu können, und die Missionare sowie Pieter Maritz wurden in ein Zimmer geführt, wo der Offizier sie beim Scheine einer Lampe empfing und nach dem Ziel ihrer Reise und dem Orte ihrer Herkunft befragte. Er schien verwundert zu sein, als er hörte, daß der alte Mann und Pieter Maritz aus der Hauptstadt Tschetschwajos kamen, da er wohl nicht erwartet hatte, daß der Zulukönig unter den jetzigen Zeitverhältnissen das Blut von Weißen verschonen würde, die in seiner Macht waren. Doch war er erfreut, nun Leute vor sich zu sehen, die ihm über die Zustände im Zululande Auskunft geben könnten. Aber sowohl der alte Mann wie Pieter Maritz verweigerten jede Auskunft, und die beiden jüngeren Missionare erklärten mit gutem Gewissen, daß sie nichts von den Zuständen beim Heere Tschetschwajos wüßten.
»Wir haben seit fast einem Jahre Tschetschwajos Brot gegessen, und er ist großmütig gegen uns gewesen,« sagte der alte Mann. »Deshalb wäre es Verräterei, wenn wir etwas über sein Heer und seine Pläne sagen wollten.«
Der englische Offizier war unzufrieden mit dieser Antwort, denn er hätte sehr gewünscht, über den Feind Nachricht zu erhalten; doch konnte er sich nicht der Einsicht verschließen, daß eine ehrenwerte Gesinnung die Weigerung der ehemaligen Gäste Tschetschwajos hervorrief. Er sann einen Augenblick nach und sagte dann, er wolle in Rücksicht auf das Alter und den Beruf des Missionars der ferneren Reise der drei Missionare mit den Familien kein Hindernis in den Weg legen. Der junge Mensch dagegen, welcher ein Buer zu sein scheine, müsse in das Hauptquartier nach Utrecht gebracht werden, um vor dem Obersten Wood zu erscheinen. »Ich lasse Euch Pferd und Waffen,« sagte der Kommandant zu Pieter Maritz, »weil ich darauf vertraue, daß Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet. Ihr werdet Euch darauf besinnen, was der Patriotismus jedem englischen Unterthan vorschreibt.«
Damit entließ er die Reisenden, ordnete an, daß Pieter Maritz bewacht und am folgenden Morgen unter Bedeckung nach Utrecht gebracht würde, und kehrte in seinen Schlafraum zurück.
Die Reisenden schlugen ihr Nachtquartier in einem Gehöft von Potgieters Farm auf, und der alte Missionar und Pieter Maritz unterhielten sich über die neuen Ereignisse, welche sie betroffen hatten. Die Erlebnisse, welche sie gemeinsam gehabt, ließen ihnen beiden das Jahr, welches sie zusammen gewesen waren, als eine fast unabsehbar lange Zeit erscheinen. Besonders für Pieter Maritz, dem die Zeit noch langsam verstrich, weil er jung war, schien der Rückblick auf die Vergangenheit, auf die Reise vom Buernlager im Norden Transvaals bis zu den Garnisonen der Zulus im Südosten von Afrika fast wie eine Ewigkeit, und er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, den alten Mann verlassen zu müssen. Dieser erklärte, daß er es für seine Pflicht halte, bei den jüngeren Missionaren zu bleiben und mit ihnen zusammen eine Station zu gründen, entweder in Transvaal oder im Zululande, sobald der Krieg beendigt sei. »Was dich anbetrifft, Pieter Maritz,« sagte er, »so hoffe ich, daß du bald zu den Deinigen zurückgekehrt sein wirst. Der englische Kommandant in Utrecht wird dich hoffentlich bald entlassen, und dann kannst du dich nach deiner Gemeinde erkundigen und sie aufsuchen. Deine Furcht, wegen der Entweichung der beiden Zulus bestraft zu werden, wird ja nun wohl verschwunden sein. Du bist ein großer Mensch geworden, und ich werde Gott bitten, daß du immer ein guter, ein christlicher Mensch bleibst. In allen Fährlichkeiten, der Seele wie des Leibes, muß ja Gott unsere Stütze sein, denn unsere eigene Kraft ist gar schwach gegenüber den Anfechtungen der Welt.«
Pieter Maritz war in einer eigentümlichen Gemütsbewegung und vermochte lange Stunden nicht einzuschlafen. Trauer und Freude mischten sich seltsam. Er war betrübt, den alten Mann verlassen zu müssen, der sein Freund und Berater war und an den er durch die engsten Bande, durch gemeinsam überstandene Gefahr und durch Unterricht in den höchsten Gegenständen des Wissens, gekettet war. Doch beherrschte ihn die Trauer nicht völlig, da er vor seinem inneren Auge das Bild seiner Lieben daheim erblickte und da ihn das freudige Gefühl belebte, auf der Reise vom Zululande weg nach Hause zu sein. Schon das Bewußtsein, in Bewegung zu sein, den treuen Jager zur Hand zu haben und von Ort zu Ort zu kommen, hatte etwas Ermunterndes, Erfrischendes. Um sein Erscheinen vor dem Kommandanten von Utrecht grämte er sich wenig. Er war entschlossen, nichts über die Zulus zu verraten, und er glaubte, daß er dann die Erlaubnis erhalten würde, sich nach Hause zu begeben.
In der Frühe des andern Morgens erklangen die Hörner, und die Swazis erhoben sich vom Schlafe. Nach dem Vorbilde der Zuluregimenter waren aus dem Stamme der Swazis, die den Zulus immer feindlich gegenüberstanden, Regimenter gebildet worden, die unter dem Befehl La Trobe Lonsdales und einiger jüngeren englischen Offiziere sowie mehrerer englischen Unteroffiziere standen. Dieses schwarze Heer unter englischer Führung streifte von der Grenze Natals bis nach Neuschottland hin dem Zululande zunächst und bildete die äußersten Posten an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Weiter zurück, in Utrecht und an andern Plätzen, formierten sich englische Angriffskolonnen unter Befehl des Obersten Wood.