Der Platz war nicht ungeeignet, um dort die Nacht zu verbringen. Das Wichtigste war, daß Wasser in unmittelbarer Nähe war, so daß das Vieh saufen konnte. Dazu wuchs üppiges Gras, untermischt mit herrlichen Kallas und anderen Blumen am Ufer, zum Futter für die Tiere, und das ringsum laufende Dickicht bildete gleichsam einen Zaun, der die Ochsen verhinderte, sich allzu weit zu entfernen. Nur zeigte es sich schwierig, ein größeres Feuer anzuzünden. Hier in der Nähe des Flusses waren alle Gewächse so voll von Saft, daß sie nicht brennen wollten, und die Reisenden mußten sich mit dem kleinen Feuer begnügen, welches ausreichte, um die Speisen zu kochen, durften aber nicht hoffen, während der Nacht ein Lagerfeuer zur Abwehr der wilden Tiere unterhalten zu können. Die Zulus suchten mehrere Arme voll Zweige und Büsche zusammen, welche einigermaßen trocken waren und gingen dem Missionar unter Beobachtung einer gewissen stolzen Würde an die Hand. Der Jude brachte seinerseits Mais und Kaffee herbei, und so wurde eine Mahlzeit hergestellt, welche nach den Mühen des Tages herrlich schmeckte. Dann brach die Nacht herein, und sogleich begannen die hellen Sterne zu schimmern. Die Reisenden saßen im Kreise zusammen um das erlöschende Feuer. Pieter Maritz hatte seine Büchse neben sich liegen, ebenso der Jude, die Zulus lagerten auf ihren Mänteln von Tigerfell, welche sie sich aus dem Wagen herbeigeholt, und hatten ihre Assagaien, die scharfspitzigen Wurfspieße mit leichtem Rohrschaft, zur Hand, nur der Missionar, der unbewaffnet durch die Wildnis zog, auf Gott allein vertrauend, hatte ein Werkzeug der Wissenschaft neben sich, einen Sextanten, mit dem er die Höhe des Sternes Kanopus im Augenblick seines Durchganges durch den Meridian berechnen wollte. Er führte eine kleine Laterne mit Magnesiumdraht mit sich, welche er anzünden wollte, um die Zahlen auf dem Nonius ablesen zu können.

Ehe er jedoch seine Berechnung anfing, war er in ein Gespräch mit Pieter Maritz vertieft, der seine Verwunderung darüber aussprach, wie die farbigen Diener so ganz der Pflicht und der Gefahr der Lage vergessen und sich sinnloser Trunkenheit hätten hingeben können.

»Diese armen Leute sind wie die Kinder,« sagte der Missionar, »und die größte Schuld an ihrem schlechten Benehmen tragen gewissenlose Weiße, welche ihnen den Branntwein ins Land geführt haben.«

Der Smaus rückte auf seinem Lager und schien sich getroffen zu fühlen. »Wollen die Schepsels trinken, so finden sie immer Zoopje,« sagte er. »Bin ich's nicht, der ihn verkauft, so ist's ein anderer. Mache ich nicht das Geschäft, macht's ein anderer.«

»Das ist wohl wahr,« entgegnete der Missionar, »aber es gab eine Zeit, wo diese Leute den Branntwein überhaupt noch nicht kannten. Damals waren sie ein großes Volk, das bis ans Meer hin das ganze Land dicht bewohnte. Nun sind sie verstreut und sind die Knechte der Weißen. Wohl haben sie den Segen der christlichen Predigt erfahren, aber der Teufel säte viel Unkraut unter den Weizen, und die Gewinnsucht der Kolonisten verdarb, was die Prediger Gutes schufen. Ich habe ein altes Buch in meinem Wagen, Pieter Maritz, das will ich dir morgen zu lesen geben, so Gott will. Darin findest du die älteste Geschichte dieses Landes. Es ist zu Anfang des vorigen Jahrhunderts geschrieben, von einem meiner Landsleute, Peter Kolb, der lange Jahre am Kap gelebt hat. Er war von dem preußischen Geheimen Rat Baron von Krosigk im Jahre 1704 dorthin geschickt worden, um wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. Kannst du denn lesen, Pieter Maritz?«

»Jawohl,« erwiderte dieser stolz. »Ich habe schon von meinem zwölften Jahre an, sobald ich ordentlich reiten und schießen gelernt hatte, Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen gehabt, und ich kann holländische und englische Bücher lesen.«

»Dann wirst du aber dieses Buch doch wohl nicht lesen können. Es ist deutsch geschrieben. Aber ich werde dir daraus erzählen, wenn du etwas von den ersten Thaten der Europäer in Südafrika wissen willst.«

»Es waren Holländer, die zuerst an das Kap kamen,« sagte Pieter Maritz. »Mein Vater hat mir erzählt, daß von Rechts wegen alles Land hier den Holländern gehörte, daß aber die Engländer es uns weggenommen hätten.«

»Zuerst war es ein portugiesischer Seemann, der die weite Fahrt nach der Südspitze von Afrika machte,« erzählte der Missionar. »Er hieß Bartholomeo Diaz und kam im Jahre 1486 mit drei Schiffen nach Sierra Parda, einem Küstenplatz im Lande der Namaquas. Dort richtete er ein Kreuz auf, aber zog bald wieder weiter, weil Stürme seine Schiffe bedrohten und seine Mannschaft unzufrieden war. Dann kam elf Jahre später ein anderer Portugiese, Vasco da Gama, und landete in Natal, begrüßte die dunkelbraunen Eingeborenen, welche Hottentotten genannt wurden, fuhr dann zur Mosselbai, wo er eine Säule mit dem portugiesischen Wappen aufrichtete, blieb aber auch nicht lange, sondern segelte nach Indien. Die Holländer kamen erst viel später, mehr als hundert Jahre nach diesen beiden portugiesischen Seefahrern, aber sie machten nicht einen flüchtigen Besuch, sondern gründeten am Kap der guten Hoffnung eine Kolonie. Am 6. April 1652 ankerten vier holländische Schiffe in der Bai am Tafelberge, und etwa hundert Kolonisten unter Führung des unternehmenden Johann van Riebek, welcher vordem Schiffsarzt gewesen war, stiegen ans Land und gründeten eine Handelskompanie, welche mit der Ostindischen Kompanie in Verbindung stand. Die Holländer bauten eine kleine Festung, legten einen großen, schönen Garten an und handelten mit den Hottentotten um Elfenbein, Straußenfedern und andere Landesprodukte. Als es ihnen gut ging, schickten ihnen die Generalstaaten von Holland eine große Anzahl von Mädchen aus den Armen- und Waisenhäusern nach, und so wurden Familien gegründet.

»Als nun die Kolonie zu Wohlstand kam und sich immer weiter ausbreitete, indem sie den Hottentotten Land abkaufte, da kamen immer mehr Menschen aus Holland herüber, und unter den guten auch schlechte Leute, welche die Eingeborenen betrogen und mißhandelten. Herr Peter Kolb erzählt, daß die Hottentotten gute, ehrliche, sanftmütige und liebevolle Menschen gewesen sind, welche ihr Wort heilig hielten und die Gerechtigkeit achteten. Sie nährten sich von Obst, Kräutern, Wurzeln und Milch, und viele wurden über hundert Jahre, manche hundertunddreißig bis hundertundfünfzig Jahre alt. Als sie aber die gekochten Speisen der Europäer und deren gesalzene und gewürzte Gerichte, besonders aber den Branntwein kennen lernten, da wurden sie lecker und trunksüchtig, bekamen viele Krankheiten, wurden nicht mehr alt und verloren ihre Tugenden. Dazu kamen sie in Streit und Krieg mit den Europäern, wurden deren Sklaven und starben in der Knechtschaft schnell aus oder wurden Räuber, welche Buschmänner genannt wurden, und fielen im Kampfe, so daß sie jetzt nur noch zerstreut in den Ländern wohnen, welche ehedem von ihnen dicht bevölkert waren.