»Dann werde ich wieder bei euch sein, so Gott will,« antwortete Pieter Maritz, indem er angesichts des Sternenhimmels, über welchem der Allmächtige thront, den Hut in frommer Betrachtung zukünftigen Schicksals von den Locken nahm.
Pieter Maritz besichtigte am folgenden Tage die Herde und den ganzen väterlichen Besitz, der nun auf die Familie gekommen war, und er fühlte sich wohl und heimisch in den altgewohnten Beschäftigungen. Auch brachte er Glück in das Lager der Treckbuern. Es war eine lange Dürre gewesen, der Erdboden war wie Asche und das Gras gelb. Aber am Tage nach seiner Ankunft kam ein herrlicher Regen herab, so daß es wunderbar war, zu sehen, wie die Erde auflebte. Über Nacht ward der graue, staubige Boden mit frischem Grün bekleidet, duftende Blumen, besonders eine rote Lilienart, sproßten hervor, Millionen von Käfern, Würmern, Ameisen und Fröschen krabbelten plötzlich an die Oberfläche, und viele Schlangen kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die Schafe und Ziegen standen mit erhobenen Köpfen da und ließen sich auf die Nasenspitzen regnen, Hornvieh und Pferde wälzten sich im nassen Grase, das Federvieh tanzte mit ausgebreiteten Flügeln stundenlang gegen den Wind an, die Buern badeten im anschwellenden Bache, und die Kaffern standen mit abgezogenen Wollhemden unter den Traufen der Hütten und den triefenden Wagenecken, ließen sich den warmen Strom über Kopf und Rücken rieseln und grunzten vergnügt: Lekker, Baas, mooi lekker.
Nachdem Pieter Maritz aber eine Woche lang daheim gewesen war, stachelten ihn das Gefühl der Pflicht und die Gewohnheit bewegten Lebens aus seiner behaglichen Ruhe auf, und er beschloß, das englische Lager bei Pretoria wieder aufzusuchen und sich dem Leutnant Dubois zur Verfügung zu stellen.
Die Mutter fügte sich seinem Wunsche in dem Gefühl, daß der nun groß gewordene Sohn selbst seine Pflicht und seine Aufgaben kennen müsse, und sie entließ ihn mit ihrem Segen. Auch packte sie ihm Wäsche und gestricktes Unterzeug, von ihrer eigenen Hand verfertigt, in den Mantelsack, gab ihm den Mantel ihres verstorbenen Mannes, ein schweres altes Stück von unverwüstlichem Stoff, und schenkte ihm dazu noch ein besonderes Andenken, das er um den Hals hängen sollte. Sie bewahrte in ihrem Schranke eine uralte gelb gewordene Schrift auf, ein Traktätchen in englischer Sprache mit dem Bilde Christi auf der ersten Seite. Sie traute diesem Schriftchen eine besondere Heiligkeit um so mehr zu, als sie es nicht lesen konnte, und sie war überzeugt, daß es ihrem Sohne in der Gefahr gute Dienste leisten würde. So faltete sie es denn zusammen, steckte es in einen leinenen Beutel, nähte ein Kreuz darauf und gab es Pieter Maritz, um es als Amulett und Talisman beständig zu tragen. Dann umarmte sie ihn, er küßte alle seine Geschwister, stieg auf Jagers Rücken und wandte sich von neuem der Welt zu.
Nachdem er den Weg über Lydenburg und Pretoria, der ihm nun vollständig bekannt war, glücklich zurückgelegt hatte, traf er am Nachmittage des 15. Februar wieder im Café de l'Europe ein, fand dort Unterkommen und begab sich zum Feldkorporal Joubert. Er traf dort mehrere angesehene Männer der Regierung, auch einen andern bedeutenden Heerführer der Buern, Namens Smit, und er wollte sich bescheiden zurückziehen, um ein anderes Mal wiederzukommen. Aber Joubert ließ ihn eintreten, begrüßte ihn freundlich und übergab ihm die versprochenen Papiere, Empfehlungsschreiben und dazu eine Summe von fünfzig Pfund Sterling. Pieter Maritz gewahrte in den Mienen der anwesenden Männer großen Ernst und den Ausdruck stolzer Entschlossenheit. Er vernahm, da sie in seiner Gegenwart ihre Unterhaltung fortsetzten, daß die Regierung der Kapländer die Buern um Hilfe gegen Tschetschwajo gebeten habe, daß die Regierung von Transvaal aber jede Unterstützung entschieden verweigert habe.
»Nur, wenn England unsere Unabhängigkeit anerkennen will und nicht mehr den geringsten Anspruch auf Oberherrschaft über das Gebiet der Republik erhebt, wollen wir ihm zu Hilfe kommen,« sagte Herr Smit. »Jetzt sind sie klein, die stolzen Engländer, und wissen sich in ihrer Furcht vor den Zulus nicht selbst zu helfen. Deshalb sind sie freundlich und machen uns Versprechungen. Wollten wir aber so thöricht sein, ihnen zu helfen, ohne sichere Bürgschaft zu haben, so würden wir nach dem Siege bald einsehen, was dieser Sieg für uns zu bedeuten hätte. Nein, die Unabhängigkeit unseres Landes muß unser höchstes Ziel sein, daran wollen wir Gut und Blut setzen; aber es muß eine reine Sache sein zwischen uns und England, und die Gerechtigkeit muß durch kluge Politik unterstützt werden.«
Pieter Maritz ritt am andern Morgen nach dem Lager hinaus und fand den Leutnant Dubois in voller Thätigkeit. Der lebhafte Franzose war ganz Feuer und Flamme für seinen neuen Dienst und hatte gegen fünfzig Männer verschiedenen Alters, viele jung, viele bereits graubärtig, sämtlich aus dem Buernstamme, um sich versammelt. Alle trugen den breitkrempigen Hut und die Ausrüstung der Buern, und sie ritten meistens kleine, aber abgehärtete, starke und schnelle Pferde. Leutnant Dubois selbst, in englischer Uniform, saß auf einem vortrefflichen Tiere afrikanischer Zucht und redete mit großer Zungenfertigkeit in einer Sprache, welche niemand verstand, da sie aus französisch, englisch, holländisch und den verschiedenartigsten Ausdrücken anderer Sprachen zusammengeflickt war. Er freute sich sehr, als er Pieter Maritz erblickte, und trug ihm sofort auf, den Leuten zu erklären, um was es sich handle, da er selber es ihnen nicht deutlich machen könne.
Pieter Maritz fragte ihn, was das sei, was er ihnen sagen solle, und der Leutnant teilte ihm nun auf englisch mit, daß die Freiwilligen am folgenden Tage von Pretoria aufbrechen und nach Durban marschieren sollten, wo sie mit andern Freiwilligen zu einem größeren Corps formiert werden würden. Diesen Befehl übersetzte Pieter Maritz seinen Landsleuten und trat damit eine Art von Adjutantenstelle beim Leutnant Dubois an. Denn dieser war sehr befriedigt von der Art und Weise, wie der Buernsohn sich benahm und seiner Aufgabe erledigte, hatte auch vom Lord Fitzherbert so viel Gutes über ihn gehört, daß er großes Vertrauen in ihn setzte.
Lord Fitzherbert selbst, den Pieter Maritz aufsuchen wollte, nachdem er seine dienstlichen Geschäfte erledigt hatte, war nicht mehr im Lager. Die Dragoner waren abmarschiert, um zu der Hauptmacht unter Lord Chelmsford zu stoßen. Überhaupt hatte sich das Lager sehr verkleinert. Der eine Teil der Truppen war zum Obersten Evelyn Wood gestoßen, der andere zum Lord Chelmsford marschiert. Zwei starke Kolonnen wurden gebildet, die eine an der Grenze von Transvaal, die andere am Tugelafluß. So war nur wenig Mannschaft als Besatzung des Forts von Pretoria zurückgeblieben.
Am Tage darauf brach die kleine Schar der freiwilligen leichten Reiter von Pretoria auf und trat den Marsch nach Süden an. Leutnant Dubois ritt an der Spitze, neben ihm ritt Pieter Maritz, und des Leutnants Vierspänner, mit einigem Gepäck beladen und von den Dienern geleitet, folgte dem Reitertrupp. Der Marsch ging schnell, denn es war kein Ochsenwagen beim Zuge, und die Transvaalpferde gingen einen wackeren Schritt. Dennoch ward das Ziel des Marsches erst nach sehr langer Zeit erreicht. Das lag daran, daß Leutnant Dubois den Auftrag hatte, unterwegs so viel Freiwillige als möglich anzuwerben. Er machte daher in allen bedeutenderen Plätzen auf der Route Halt, quartierte seine Mannschaft ein und erließ eine Bekanntmachung, daß er Reiter für den Feldzug ins Zululand suche. Jeder Mann sollte jeden Tag fünf Schilling Lohn und außerdem freie Verpflegung für Reiter und Roß haben.