[Zweiundzwanzigstes Kapitel]
Die Schlacht bei Gingilowo

Lord Chelmsford marschierte gegen den Feind. Er hatte seine feste Stellung am Tugela bei den Forts Tenedos, Pearson und Williamson verlassen und zog nordwärts. Seine Regimenter und Wagenzüge bedeckten in breiter Flut das Hügelland und wälzten sich langsam bergauf und bergab. Die Engländer waren vorsichtig geworden. Sie verteilten jetzt ihre Truppen und Wagen so, daß sie sich einander unterstützen konnten, daß bei einem unerwarteten Angriff des schnellen schlauen Feindes rasch eine Wagenburg hergestellt werden konnte. Deshalb marschierten sie in vielen Kolonnen nebeneinander und hatten die Wagen an den äußeren Linien, starke Infanterieabteilungen aber neben und zwischen den Fahrzeugen. Auch hatten sie Vorhut und Nachhut, sowie Seitendeckungen gebildet, die das Herankommen des Feindes frühzeitig entdecken konnten, damit der Hauptmasse Zeit blieb, sich zum Kampfe zu ordnen.

Bei diesem Dienst waren die leichten Reiter vom größten Nutzen, und besonders die freiwilligen Buern erwarben sich große Verdienste. Ihre Augen waren weit besser an das Land und seine Besonderheiten gewöhnt, auch schärfer als die der Engländer, und ihre abgehärteten Pferde konnten viel mehr vertragen. Zehn bis fünfzehn deutsche Meilen legten die Buernreiter an einem Tage zurück, immer im langen Schritt oder im Jagdgalopp, und sie umschwärmten wachsamen Blickes die englischen Heerhaufen von allen Seiten. Bei Nacht aber, wenn die englische Armee sich zu einem dichten Klumpen zusammenschloß, ringsum Verschanzungen anlegte und die Wagen dahinter reihenweise aneinander schob, dann zogen draußen die Buernreiter eine lange Kette von Doppelposten, lauschten, die Büchse vor sich auf dem Sattel und das Ohr gespannt, auf jedes Rascheln in dem langen Grase und spähten mit gesenktem Kopfe unter dem Hutrand hervor nach jedem Schatten, der über die Ebene zog oder aus dem Busch hervorkam.

Pieter Maritz erwarb sich in diesem angestrengten Dienst die höchste Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Leutnant Dubois mit hundert Reitern war der Vorhut unter Oberst Law zugeteilt, und er war mit Pieter Maritz immer voran. Zuweilen gesellte sich auch Major Walker auf seinem riesigen Braunen zu ihnen, und dann tauschten die beiden Offiziere Geschichten aus ihrer früheren Dienstzeit miteinander aus, die Pieter Maritz höchlichst ergötzten. Beide waren in China gewesen und hatten an den Plünderungszügen des Grafen von Palikao teilgenommen. Besonders gefiel dem Buernsohn eine Geschichte, die der Major eines Nachts am Wachtfeuer erzählte: die Schilderung seiner Gefangenschaft in China. Die Chinesen hätten ihn einmal bei einer Rekognoszierung mit gewaltiger Übermacht überfallen und vom Pferde gerissen, dann aber in einen Käfig von Bambus gesteckt, von Stadt zu Stadt getragen und in den Tempeln als Sehenswürdigkeit ausgestellt, so daß Mandarinen und Volk zusammengelaufen wären, um den »großen rothaarigen Barbaren« zu sehen und mit toten Ratten, faulen Eiern und Katzenköpfen zu bewerfen. Pieter Maritz mußte laut lachen, als er sich vorstellte, welchen Anblick die mächtige Gestalt in dem engen Käfig geboten haben mußte, und der Major sparte nicht mit anschaulichen Bildern bei seiner Erzählung und rollte dazu die Augen und fluchte.

Am 29. März machte das Heer beim Kral Inyoni Halt und übernachtete im befestigten Lager, am 30. kam es bis zum Kral Amatikulo am Amatikuloflusse und schlug dort die Zelte auf. Die Krale waren verlassen und keine Spur von Bewohnern war mehr zu erblicken, doch zeigten sich während des Marsches hier und dort einzelne bewaffnete Zulus, die, im Grase versteckt, das feindliche Lager beobachteten, dann aber, wenn die leichten Reiter sie fangen wollten, mit der Schnelligkeit von Antilopen verschwanden.

Am 1. April ward von Amatikulo aufgebrochen, durch den Fluß marschiert und der Weg nach Osten fortgesetzt. Es war ein heller, heißer Tag, doch zeigten sich gegen Mittag Wolken am fernen Horizont, die für Gewitterwolken gehalten wurden. Aber es waren Wolken anderer Art. Bald kam es nahe heran, erfüllte die Luft mit unheimlichem Schwirren und senkte sich gleich Schneeflocken herab. Es waren Heuschrecken, die von leichtem Nordwinde gen Süden getrieben wurden. Ihre weißen, bläulich durchscheinenden Flügel trugen sie sanft wie Fallschirme herunter auf die Erde, und sie bedeckten bald alles, das Land, das Gras, die Büsche und Bäume, die Wagen und Geschütze, die Tiere und Menschen mit einer dicken Schicht. Die Räder gingen über die zerstampften Massen hinweg, als ob sie in schlüpfrigem Schlamme führen. Dieser Regen dauerte fast eine Stunde lang. Am Nachmittage ward unweit des Krals Gingilowo Halt gemacht und ein festes Lager aufgeschlagen. Lord Chelmsford ritt zur Vorhut, um nach dem Feinde auszuschauen. Die Vorhut war heute von der Seebrigade gebildet worden und bestand aus der Mannschaft der Kriegsschiffe Schah, Tenedos und Boadicea mit zwei Neunpfündern und drei Gatlingmitrailleusen, sowie leichter Kavallerie.

Pieter Maritz begleitete mit fünfundzwanzig Reitern den Oberbefehlshaber und dessen Stab, als diese hohen Offiziere über die Vorhut hinausritten, und außerdem waren mehrere Zulus, unter denen der Buernsohn die düstere Gestalt Humbatis bemerkte, im Gefolge des kommandierenden Generals.