Die Armee war dem Fort Ekowe bis auf fünf deutsche Meilen nahe gekommen, und Lord Chelmsford wollte versuchen, sich durch Lichtsignale mit dem Obersten Pearson in Verbindung zu setzen. Er suchte einen Hügel unweit des Lagers auf, von dem aus Fort Ekowe durch das Fernrohr erblickt werden konnte, und ließ auf der Höhe einen Heliographen aufstellen. Pieter Maritz begab sich in die Nähe des Kreises der Offiziere, welche um den General versammelt waren. Er sah Lord Chelmsford heute zum erstenmale auf nur wenige Schritte Entfernung. Der General hatte ein ziemlich schmales Gesicht, welches nicht sehr energisch aussah. Die dunklen beschatteten Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Ein Offizier vom Stabe stellte ein dreibeiniges Stativ auf, welches einen beweglichen Spiegel trug, und nun wurden Sonnenblitze aufgefangen und durch Neigungen des Spiegels in der Richtung nach Ekowe entsandt, während ein anderer Offizier durch ein Fernrohr beobachtete.

Pieter Maritz erkannte das Fort Ekowe mit bloßen Augen als ein dunkles Fleckchen am Horizont, und nach einiger Zeit schien es ihm so, als ob auch drüben etwas Blitzendes wahrzunehmen sei. In der That war es gelungen, die Aufmerksamkeit der belagerten Besatzung zu erregen und sich mit ihr zu unterhalten. Einer der Adjutanten des Generals schrieb die Anzahl der beobachteten Blitze von drüben und die Art ihrer Reihenfolge und Dauer auf und übersetzte die Zeichensprache in verständliches Englisch. Pieter Maritz beobachtete den ganzen Vorgang mit hoher Achtung vor den Erfindungen der militärischen Wissenschaft, die Zulus aber standen voll Entsetzen dabei, da sie Zauberei der stärksten Art zu sehen wähnten, und selbst Humbatis Gesicht drückte das Gefühl geheimen Schauders aus.

Als Lord Chelmsford die Botschaft aus Ekowe erfahren hatte, winkte er Humbati und unterhielt sich längere Zeit mit ihm. Der stolze Induna verleugnete auch in seinem Verkehr mit diesem mächtigen Gebieter nicht die angeborene Würde und sprach in einer Weise und mit einer hofmännischen und dabei vornehmen Haltung, die nicht nur Pieter Maritz, sondern auch den englischen Offizieren auffiel.

»Sehen Sie diesen Kaffer an,« sagte einer der Adjutanten zum andern. »Unsere Schauspieler in London sollten hierher kommen und diese nackten Niggers studieren, ehe sie auf der Bühne als Könige auftreten.«

Als Lord Chelmsford seine Unterredung mit Humbati beendigt hatte, wandte er sich zu dem ältesten der Offiziere in seiner Begleitung. Pieter Maritz konnte verstehen, was er sagte. »Oberst Pearson ist der Meinung,« sprach der Lord, »daß mindestens fünfunddreißigtausend Zulus in der Nähe sind, und er rät mir, auf der Hut zu sein. Auch dieser Induna, welcher, wie Sie wissen, in der höchsten Stellung bei Tschetschwajo war, glaubt, daß diese Zahl nicht zu hoch gegriffen sei und daß die schwarze Armee im ganzen trotz ihrer bisherigen Verluste noch mehr als vierzigtausend Mann zählen werde.« Der Lord seufzte. »Eine schöne Suppe hat Sir Bartle Frere uns eingebrockt,« fuhr er fort. »Mit dem zehnten Teil der Kosten an Geld, die wir jetzt opfern müssen, hätten wir auf friedlichem Wege, ohne Blut binnen wenigen Jahren weit mehr erreicht. Fünfzehn Millionen Pfund Sterling kostet der Krieg, jeder besiegte Zulu kommt England auf dreihundert Pfund zu stehen, und das Schlimmste ist, daß das unglückliche Land, wenn wir unser Ziel wirklich erreichen, nach unserm Siege schlimmer daran sein wird als vorher.«

Der andere Offizier zuckte die Achseln und antwortete in so leisem Tone, daß Pieter Maritz nicht recht hören konnte, was er sagte. Lord Chelmsford aber rief dann laut: »Zu Pferde, meine Herren! Wir müssen einem Angriffe entgegensehen und uns zum Empfange der Zulus rüsten!«

Indem er einer Ordonnanz winkte, ihm sein Pferd zu bringen, und während der zahlreiche Stab im Begriff war, sich in den Sattel zu schwingen, war ein Reiter zu bemerken, der in vollstem Rosseslauf vom Lager herkam. Alles stockte und sah ihm voll Erwartung entgegen. Er war an dem Scharlachrocke und den Ärmelzeichen als ein Unteroffizier von den Dragonern zu erkennen, und bald ritt er den Hügel heran und näherte sich dem Oberbefehlshaber, der neben seinem Pferde stand. Er überreichte eine Depesche und meldete dabei mündlich, daß sie vom Obersten Wood komme, der nach Fort Tenedos telegraphiert habe.

Der General zerriß den Umschlag.

»Oberst Wood hat heftige Gefechte am 28. und 29. März gehabt, aber er ist Sieger geblieben,« sagte er dann laut. »Doch hat er am ersten Tage zwölf Offiziere und sechsundachtzig Mann allein an Toten verloren, am zweiten noch viel mehr. Ah, diese Zulus!«

Pieter Maritz sah, als der General so sprach, Humbati in der Nähe stehen und bemerkte, daß dessen schlanke Gestalt zu wachsen schien, während ein unsäglicher Stolz aus dem dunklen Antlitz sprach. Er konnte den Blick nicht abwenden von dem Induna, so sehr sprach dessen Miene zu seinem Herzen. Denn es war zugleich mit hohem Stolze eine tiefe Trauer darin zu lesen, und Pieter Maritz glaubte etwas von der Qual zu verstehen, die das Herz des Verräters zerriß, der den Tod seines Bruders an dem Tyrannen rächen wollte, doch das Vaterlandsgefühl nicht in sich ertöten konnte.