Der Missionar hatte sich in den Wagen gesetzt, um unter dem Verdeck geschützt zu sein, die farbigen Diener hatten breitrandige helle Filzhüte auf dem Kopfe, nur die Zulus gingen schutzlos in der Sonne und ließen das Licht ruhig auf ihre krausen Frisuren und die glänzenden schwarzen Körper fallen. Nichts Lebendes ließ sich zu dieser Stunde außer dem Zuge des Missionars auf der Ebene sehen, nur einmal rannte in weiter Ferne ein Rudel Zebra dahin, deren schwarze und weiße Streifen Pieter Maritz mit seinen scharfen Augen unterscheiden konnte.
Der Marsch hatte nun schon über drei Stunden gedauert, den Zugochsen hing die dürstende Zunge aus dem Halse, und noch war kein Fleck zu sehen, der sich zur Ruhe geeignet hätte. Der Missionar ließ halten und kam aus dem Wagen hervor.
»Es geht so nicht weiter,« sagte er zu Pieter Maritz, »was sollen wir machen? Die Tiere bedürfen des Wassers, aber wir finden hier kein Wasser am Wege.«
»Ich sehe dort einen Hügel,« sagte der Knabe, zur linken Hand hin weisend. »Ich will mit den Zulus dorthin, um zu sehen, ob wir an seinem Fuße Wasser finden. Wir wollen Spaten mitnehmen, um ein Loch zu graben.«
»Gut,« sagte der Missionar, »aber die Tiere können es nicht lange mehr aushalten, und wir müssen ihnen wohl aus dem Fasse geben.«
Er ließ die Ochsen ausspannen, damit sie sich erholen könnten, und man sah sie alsbald nach allen Seiten hin schnuppern, ob sie etwa eine ferne Quelle oder auch nur ein Wasserloch entdecken könnten. Aber sie senkten mutlos die Köpfe und stellten sich dann so, daß ihre brennenden Hufe im Schatten der eigenen Körper standen, wobei sie sich zusammendrängten und immer die außerhalb Stehenden sich bemühten, in das Innere des Haufens einzudringen. Der Missionar ließ indessen aus dem Fasse in Becher laufen und erquickte seine Begleiter und sich selbst. Das Wasser war warm geworden und zu einer andern Zeit würde es wohl von jedem verschmäht worden sein, aber heute erschien es allen wie ein köstliches Getränk. Als dann die Menschen getrunken hatten, ließ er einen Eimer füllen, und mit großer Not inmitten der sich nun herandrängenden Tiere wurde jedem der Ochsen ein kleiner Trunk verabreicht.
Währenddessen begaben sich Pieter Maritz und die Zulus, denen sich zuletzt auch noch der Missionar selbst zu Pferde anschloß, nach dem Hügel und spähten eifrig nach Fußspuren von Wild, welche angedeutet haben würden, daß Wasser in der Nähe sei. Aber es waren keine Fährten zu entdecken. Der Hügel war entlegener, als sie zuerst vermutet hatten, und nahm beim Näherkommen eine andere Gestalt an, indem er sich als Ausläufer einer Hügelkette zeigte. Er war sandig, mit Steinen bedeckt und ohne jeden Pflanzenwuchs, aber als die Reisenden auf seinen Gipfel kamen, sahen sie Buschwerk und einzelne Bäume auf der andern Seite. Die Zulus entdeckten sogar, was die Weißen nicht zu erkennen vermochten: den Rauch aus menschlichen Wohnungen in weiter Ferne sich aus waldiger Umgebung emporkräuseln. Belebt durch die Aussicht auf das Buschwerk, da dies die Hoffnung auf Wasser erweckte, stiegen sie den Hügel auf der andern Seite hinab, waren aber erst einige hundert Schritte gegangen, als sie plötzlich still standen, indem sie frische Spuren von Löwen am Boden bemerkten, die vor ganz kurzer Zeit auf diesem Platze gewesen sein mußten. Dann gingen sie, vorsichtig um sich blickend, weiter. Am Fuße des Hügels erblickten sie gar bald ein rundes Loch in der Nähe einiger Rhenosterbüsche, und dies Loch war mit Wasser gefüllt. Sie eilten dahin, aber ein abschreckender Gestank kam ihnen entgegen. In dem Wasser von trübem Aussehen schwamm eine Masse, welche nicht deutlich zu erkennen war, und als die Zulus diese Masse mit dem Schafte ihrer Spieße bewegten und emporhoben, zeigte sich, daß es eine tote Hyäne war. Dem Anschein nach war dies Loch von Kaffern gegraben und das Wasser von ihnen vergiftet, um die Raubtiere zu vertilgen. Es mußten Wohnungen von Kaffern in dieser Gegend sein.
Mit Abscheu wandten sich die Reisenden von dem häßlichen Anblick des vergifteten Tieres ab und gingen weiter, auf die Bäume zu, als sich ihnen ein Schauspiel von herzbewegender Traurigkeit bot. Ganz einsam unter einem der Bäume, Euphorbien, die ihre blattlosen Zweige von dem glatten Stamm aus in gleichen Winkeln kandelaberförmig in die Höhe streckten, saß ein altes, schwarzes Weib, nackt, ein lebendiges Gerippe, und lehnte ihr weißhaariges Haupt auf die Kniee. Sie blickte empor, als sie die Nähe der Fremden bemerkte, und blickte entsetzt auf die weißen Gesichter. Dann versuchte sie aufzustehen, um zu fliehen, aber zitternd vor Schwäche sank sie wieder zusammen.
Der Missionar stieg vom Pferde, redete sie mit sanftem Tone in der Sprache des Volkes jenes Landes an und nannte sie mit einem Namen, welcher unter jedem Himmelsstrich süß klingt, und selbst das Ohr des Wilden sanft berührt. »Meine Mutter,« sagte er, »fürchte nichts. Wir sind Freunde, wir wollen dir kein Leid thun. Wie kommst du in diese Wildnis, und warum bist du so allein?«
Sie antwortete zuerst nicht, sondern sah nur erschrocken in des Missionars Gesicht, bis er seine Frage wiederholte. Dann sagte sie mit schwacher Stimme: »Ich bin eine alte Frau, ich sitze hier seit vier Tagen; meine Kinder haben mich hier zurückgelassen, damit ich sterbe.«