Es hatte sich ihnen, wie der Missionar erklärte, eine Luftspiegelung, eine Fata Morgana gezeigt, welche zuweilen entsteht, wenn die Hitze der Sonnenstrahlen von der flachen Erde zurückgeworfen wird.
Der letzte Rest aus dem Wasserfasse ward jetzt unter die Ochsen verteilt, um ihnen neuen Mut zu geben, und obwohl ein jedes Tier nur einen Zug thun durfte, war die Wirkung doch sehr belebend. Dann ging es vom Wege seitwärts ab nach dem hügeligen Lande. Die Ochsen merkten, daß es zur Rast ging, sie setzten ihre letzte Kraft daran und kamen stöhnend über den Hügel in das Thal. Aber als sie den Platz erreichten, wo die alte Frau sein mußte, da fanden sie ihren Körper zwar wieder, aber für jede Hilfe war es zu spät, denn die Seele war entflohen. Die Umschlingung ihrer Kniee mit den Armen hatte sich gelöst, ihr Kopf war nach rückwärts gefallen, und kein Atem bewegte mehr die Brust und die Lippen.
Da sprach der Missionar ein Gebet, und die schwarzen Diener schaufelten eine Grube in den Sand und legten den mageren Leib hinein. Dann ging es wieder vorwärts. Mühsam wühlten sich die Ochsen durch den tiefen Sand des Thales nach den noch entfernt stehenden Bäumen und Büschen hin, welche den Ort des Teiches erkennen ließen. Sie ließen die Köpfe hängen und schnoben aus tiefster Brust.
Mit einem Male begann ein Wind dem Zuge entgegenzuwehen, der einen seltsam frischen Hauch mit sich führte. Der Wind blies aus Nordost und er hatte eine Art von Beigeschmack wie von frischem Grase. Die Ochsen erhoben ihre Köpfe, sogen die Luft mit Begierde ein, und drangen schneller vor. Sie schüttelten die Joche, als seien sie ungeduldig, nicht ungehindert laufen zu können. Wenige Minuten später ward der Wind stärker, und ein sonderbares Heulen begleitete seinen Gang über die Hügel hin. Zugleich veränderte sich die Beleuchtung. Die Reisenden blickten sich um, da es war, als rücke ein Schatten von hinten her über den Himmel weg, und sie sahen, daß die kleinen zarten Wolken, welche um Mittag dicht über dem Horizont gestanden hatten, nun heraufgezogen waren und gleich Schneebergen, ganz weiß mit einem leichten, gelben Saume, dem Winde entgegeneilten.
Nun entstand plötzlich eine Totenstille. Es war, als begegneten sich der Wind und die Schneeberge zu einem Kampfe und rüsteten sich schweigend. Die Ochsen standen still, kein Schlag brachte sie vorwärts, sie zitterten und bohrten ihre Hufe in den Boden.
»Schirrt sie ab!« rief der Missionar. »Ein Gewitter kommt!«
Alsbald stürzten sich die Schwarzen auf das Gespann, lösten die Jochhölzer ab und ließen das Zugseil fallen. Während sie so arbeiteten, zeigte der Himmel eine auffallende Veränderung. Die großen, den Schneebergen ähnlichen Wolken zogen mit scharf umrissenen Formen noch immer in der Richtung nach Nordosten, aber ihnen gegenüber waren, ohne daß man sagen konnte, woher sie kamen, andere Wolken entstanden, welche den entgegengesetzten Weg zogen. Diese gingen tiefer über der Erde hin und glichen losem Wasserdampf, der keine bestimmte Gestalt annimmt, sondern schleierartig wallt. Beide Wolkenschichten zogen mit großer Schnelligkeit gegeneinander und untereinander, und das Sonnenlicht verschwand vollständig. Es ward dunkel und noch immer dauerte die unheimliche Stille. Da, auf einen Schlag, brach ein gewaltiges Wetter los. Es sah aus, als sprängen Blitze in mannigfacher Form, im Zickzack, schräg hin und auch in Bogenlinien, von der Erde empor nach dem Himmel. Dann sah es wieder aus, als fiele eine feurige Kette in Stücken von den Wolken herab. Die Blitze fielen so häufig, daß oft zwanzig in einer Minute zu zählen waren, und ein Donner erschütterte die Luft, der Schlag auf Schlag mit solcher Kraft rollte, daß die Erde unter den Füßen der Reisenden bebte. Dies dauerte mehrere Minuten lang und dann ergoß sich eine Wasserflut vom Himmel herab, als stürze ein Ocean aus den Wolken nieder. Es war ganz finster, nur die Blitze erhellten die Scene. Sie sprangen nicht mehr zwischen Himmel und Erde auf und nieder, sondern wälzten sich gleichsam am Boden hin wie feurige Schlangen, die in ganzen Herden sich daherringelten. Ohne Aufhören brüllte dazu der Donner.
Pieter Maritz war vom Pferde gestiegen und hielt das zitternde Tier am Zügel. Er blickte zum Wagen hin und sah keinen der Ochsen mehr. Als der Sturm losbrach, die Blitze zuckten und der Donner grollte, waren sie voller Entsetzen davongestürmt. Der heulende Wind trieb das losgerissene Verdeck einem Segel gleich empor und ließ es wie eine riesige Fahne flattern. Die farbigen Diener waren unter den Wagen gekrochen und hockten dort in angstvoller Stellung. Neben dem Wagen stand der Missionar. Er hielt gleich dem Knaben sein Pferd am Zügel und blickte in einer andächtigen Stellung mit über der Brust gefalteten Händen zu dem von Blitzen erleuchteten Himmel auf. Sein von weißem Haar und Bart umgebenes Antlitz erschien dem Knaben unbeschreiblich ehrwürdig. Nur für Augenblicke war dies Bild dem Knaben sichtbar, alsdann ward es wieder in Finsternis getaucht. Denn die Wolken hingen so niedrig zur Erde herab und gossen solche Regenschauer nieder, daß nur die Blitze Licht geben konnten. Jetzt huschte etwas ungemein Schnelles heran, es glich einem Trupp von Schweinen mit hoch gebogenen Rücken, doch wie es dicht neben dem Knaben vorüberkam, sah er, daß es ein Rudel Hyänen war. Ihre unheimlichen Gestalten verschwanden so schnell wie sie erschienen waren. Die Tiere waren in Angst und dachten nur an Flucht vor dem Unwetter, wie auch die Pferde vor dem Anblick der gefährlichen Bestien zu dieser Stunde nicht scheuten, sondern unter dem stärkeren Eindruck der entfesselten Elemente standen.
Die Wassergüsse hatten schon nach kurzer Zeit den Boden völlig aufgeweicht. Sie spülten den losen Sand von den Hügeln herunter und ließen die kleineren Steine mitrollen. Diese von den Höhen fließenden Bäche sammelten sich in den Thälern, und bald rann ein Strom von mehreren Fuß Tiefe durch die Niederungen, wo die Reisenden sich befanden und spülte bis an die Achse des Wagens. Der Missionar und Pieter Maritz mußten mit ihren Pferden seitwärts die Höhe hinansteigen, um außerhalb der Fluten zu sein, und in Schreck und Furcht schlossen sich ihnen die Diener an, welche das Wasser unter dem Wagen hervorgetrieben hatte. Wären die Hügel höher und die Tiefen abschüssiger gewesen, so wäre der Wagen fortgespült worden. Es war ein Glück, daß die unebene Bildung des Bodens nur in geringem Maße vorhanden war. So war es auch ein Glück, daß die Ochsen vom Wagen abgeschirrt waren, denn sie hätten gewiß beim Leuchten der Blitze und dem furchtbaren Krachen der Donnerschläge in wilder Flucht den Wagen mit sich gerissen und wären mit ihm zu Grunde gegangen. So durften die Reisenden hoffen, die versprengten Tiere nach dem Aufhören des Gewitters wiederzufinden.
Der heftige Zorn der drohenden Wolken hielt nicht lange an, bald hörten Blitz und Donner auf, die schwarzen Wolken trennten sich und ließen die Sonne wieder durchscheinen. Doch zogen die Wolken nicht völlig vorüber, sondern nach kurzer Helligkeit gab es neue Güsse, und dieses Wetter hielt an, bis die Sonne untergegangen und die Nacht hereingebrochen war. Dann klärte sich der Himmel auf, der Mond und die Sterne gossen ihr mildes, weißes Licht über das Land aus.