Pieter Maritz stand auf, nachdem die Offiziere sich entfernt hatten, und ging zu dem Platze, wo die Dragoner schliefen. Er überlegte, wie er es anfangen solle, aus dem Lager hinauszukommen, um seinen Landsleuten den Plan des Generals Colley mitzuteilen. Konnte er Joubert rechtzeitig benachrichtigen, so mußten einige hundert Buern das englische Heer schon auf dem Marsche überfallen. Aber es war nicht leicht, das Lager zu verlassen. Zu Pferde hinauszukommen war der Schildwachen wegen unmöglich. Sollte er über den Wall klettern und zu Fuß fortlaufen? Auch das war schwer, und gewiß kam er zu spät in das Buernlager. Aber es mußte versucht werden. Er beschloß, an einer dunkleren Stelle über den Wall zu klimmen und sich dann zu dem Buernposten zu schleichen, wo er Jager in Jakobus' Obhut wiederzufinden hoffte.

Indem er jedoch mit diesem Gedanken umging und sich einem Winkel des Lagers näherte, wohin die Feuer ihren Schein nicht warfen, ward es plötzlich lebendig unter den Truppen. Mehrere junge Offiziere liefen umher. General Colley hatte befohlen, daß die Truppen sich zum Aufbruch rüsten sollten, und ohne Signale wurden die Befehle mündlich weitergetragen. Ein Unteroffizier von den Dragonern rief den verkleideten Buernsohn an und befahl ihm, sein Pferd zu satteln. Pieter Maritz sah, daß er sich in das Unvermeidliche fügen müsse und daß er nicht an Flucht denken könne, während die gesamte Besatzung des Lagers auf den Beinen war. Überall sprangen die Schläfer von ihren Ruhestätten auf, überall wurden die Gewehre ergriffen, die Pferde gesattelt und Patronen sowie Lebensmittel verteilt. General Colley hatte befohlen, daß jeder Infanterist außer seiner gefüllten Patrontasche noch achtzig Reservepatronen mitnehmen und daß jeder Mann, Kavallerist wie Infanterist, für drei Tage Lebensmittel und Rum erhalten sollte.

Die Hochländer, das 58. und das 60. Regiment, soweit sie noch existierten, traten an, die Marinetruppen machten sich fertig und bespannten eines der Gatlinggeschütze, die Husaren sattelten, und auch die Dragoner nahmen marschbereit Aufstellung. Pieter Maritz nahm seinen Platz im Gliede ein und war auf alles gefaßt. Alles ging sehr schnell vor sich, General Colley drängte zur Eile und befahl größte Ruhe, damit die feindlichen Posten nichts vom Aufbruch der Truppen merkten. Er selbst erschien in einem Anzuge und einer Bewaffnung, die ihm das Bergsteigen erleichterten. Er hatte seine Reiterstiefel abgelegt und leichte Schuhe und Gamaschen angezogen, trug einen Stock in der Hand und im Gürtel nur einen Revolver. Er ging die Reihen der Truppen entlang und bestimmte deren Einteilung. Von den Hochländern sollten 180 Mann, von den Trümmern des 58. Regiments 148, von denen des 60. Schützenregiments 150 Mann, dazu 70 Marinesoldaten und Matrosen, dann die Husaren und ein Trupp Dragoner das Corps bilden, welches die Expedition machen sollte. Der Rest der Truppen sollte im Lager bleiben und es im Falle der Not verteidigen, bis General Wood zur Verstärkung herankäme.

Der Marsch wandte sich den Bergen zu und zunächst nach Süden, um in einem Bogen den nördlich gelegenen Majuba zu erreichen. Alle Befehle wurden mit halber Stimme gegeben, den Soldaten war das Sprechen untersagt worden, und in tiefer Stille wand sich die dunkle lange Kolonne über die nachtumhüllten Höhen und durch die Thäler der Drakensberge dahin. General Colley ging mit dem Buern, welcher führte, voran und ließ sein Pferd am Zügel nachbringen. Die Dragoner, welche schon mit den Eigentümlichkeiten des Landes vertraut waren, wurden von Zeit zu Zeit seitwärts in den Thälern vorgeschickt, um zu untersuchen, ob alles sicher und nichts von den Buern zu entdecken sei. Pieter Maritz hätte bei dieser Gelegenheit wohl schon entwischen können, aber er überlegte sich, daß es klüger sei, den ferneren Marsch der Engländer mitzumachen, um genau zu wissen, wo sie ihre Aufstellung nähmen, als etwa durch seine Entfernung einen Verdacht bei ihnen zu erwecken und sie vielleicht zu warnen und vorsichtig zu machen. Pieter Maritz hatte dem Gespräch zwischen dem General und dem Befehlshaber der Hochländer mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und war überzeugt, daß dieser recht habe und daß der Plan, den Majuba zu besetzen, sehr nachteilig für die Engländer sei. Sein natürlicher Verstand und seine kriegerische Erfahrung sagten ihm, daß die Buern von der Ausführung dieses Planes den Vorteil haben würden, indem sie die getrennten Abteilungen der Feinde einzeln angreifen könnten. Er begriff nicht, wie ein erfahrener Offizier auf den Gedanken kommen könne, seine Truppen auf einen einzelnen Berggipfel zu bringen, der bis in die Wolken ragte. Er erwog zugleich, wie er es anfangen wolle, so lange wie möglich bei der Kolonne zu bleiben und dann unbemerkt davonzukommen, um dem General Joubert Bericht zu erstatten. Solange es dunkel blieb, war er vor Entdeckung sicher, nur mußte er suchen sich zu entfernen, bevor die Sonne aufging, denn wenn jemand entdecken sollte, daß in der Dragoneruniform ein Unbekannter steckte, so würde es diesem Eindringling sicher ans Leben gehen.

Der Marsch ging schweigsam in der Dunkelheit weiter. Leise ertönten die Kommandos der Offiziere, das Geräusch vieler Schritte, das Klirren der Säbel und Bügel, das Anschlagen der Bajonettscheiden und die vielstimmige Bewegung der Tornister, Brotbeutel, Feldflaschen und des sonstigen Gepäcks waren zu vernehmen. Endlich lag der hohe Berg, welcher das Ziel des Marsches war, vor der Spitze der Kolonne, und Pieter Maritz sah die dunkle Riesengestalt sich deutlich an dem helleren Nachthimmel abzeichnen. Die Mondsichel stand jetzt zur Rechten tief über dem Horizont und über der Stelle, wo das Buernheer lagerte. Sie beleuchtete mit mattem Glanz die eigentümliche Form des Berges, der sich hoch über den benachbarten Kuppeln emporhob. Sein Gipfel war platt gleich denen vieler Berge Südafrikas. Es sah aus, als habe ein Riese mit einem ungeheuren Messer die oberste Spitze glatt abgeschnitten. Überall fielen die Hänge steil ab, doch war der Berg nach der Seite des Buernlagers hin weniger schroff als nach der Seite hin, wo die Engländer heranmarschierten.

General Colley ließ die ganze Kolonne vormarschieren, bis zu der Stelle, wo der eigentliche Kegel des Majuba anfing und der Anstieg so schroff wurde, daß für die Kavallerie der Weitermarsch unmöglich war. Dann ließ er halten und teilte seine Schar. Die Husaren und Dragoner, sowie zwei Kompanien der Infanterie erhielten Befehl, unten als Reserve zu bleiben und Verbindung mit dem Lager zu halten, eine Abteilung, welche Pieter Maritz auf etwa vierhundert Mann mit zwanzig Offizieren schätzte, ward zum Hinaufsteigen kommandiert. General Colley selbst warf den Stock weg, um beide Hände beim Erfassen der Felsblöcke frei zu haben, zog den Überrock aus, um ihn über die Schulter gehängt leichter zu tragen, und ging mit ermunterndem Zuruf voran.

Es war hier ein außerordentlich schwieriger Aufstieg, und Pieter Maritz sah dem Beginnen des Generals voll Verwunderung zu. Der Hang war zerklüftet und mit Felsblöcken übersät. Er glich stellenweise einer in übermenschlichen Verhältnissen erbauten Treppe, indem die Felsblöcke Stufen von solcher Höhe bildeten, daß sie nur klimmend zu besteigen waren. Die Ordnung unter der Infanterie hörte sofort auf, denn ein jeder hatte so viel mit sich selbst zu thun, daß er auf das Allgemeine nicht mehr achten konnte. Die Truppe löste sich in einen wirren Haufen auf, und Pieter Maritz mußte unwillkürlich an eine Ziegenherde denken, die springend und kletternd am Bergeshang schwebt, nur daß die mit Waffen und Gepäck beladenen Soldaten nicht die Leichtigkeit jener behenden Tiere besaßen. Vielfach mußten die Soldaten einander helfen, indem sie von unten den oben stehenden das Gewehr und den Tornister zureichten oder von oben zogen oder einer auf des andern Nacken stiegen, um den Rand eines schroffen Felsens zu erreichen. Obwohl die Hochländer als Bergbewohner geübte Kletterer waren, fanden sie hier doch eine Aufgabe, die alle ihre Kraft und Kunst in Anspruch nahm.

Schlimmer noch als der Infanterie ging es den Seeleuten, die das Geschütz hinaufschaffen sollten. Obwohl sie sich die beste Stelle aussuchten und nun mit größter Aufopferung sich abmühten, die Gatlingkanone hinaufzuziehen und zu schieben, erreichten sie doch ihren Zweck nicht. Sie spannten sich vor, und die stämmigen Leiber bogen sich wie Angelruten zusammen; sie griffen in die Speichen, faßten an das Rohr und die Lafette, aber so sehr sie sich mühten, es zeigte sich bald als völlig unmöglich, das Geschütz hinaufzubringen, und wütend gab General Colley den Befehl, die Kanone stehen zu lassen. Die Seeleute mußten mit ihren Büchsen allein der Infanterie folgen.

Während sich so der Abhang mit kletternden Männern bedeckte und der in Dämmerung liegende Berg gleichsam lebendig wurde von krabbelnden und kriechenden, ächzenden und leise fluchenden Geschöpfen, merkte Pieter Maritz, daß es nicht weit mehr von Sonnenaufgang sein konnte. Ein frischer Hauch wehte über die Erde hin, dem Osten entgegen, die Sterne fingen zu erbleichen an und der Mond war verschwunden. Die Aufmerksamkeit der Truppen unterhalb des Majuba war völlig auf die Hinanklimmenden gerichtet, welche nur langsam vorwärts kamen und von denen die obersten schon nicht mehr zu erkennen waren, obwohl sie kaum die Hälfte des Berges erklommen haben konnten. Der Augenblick der Flucht schien dem Buernsohn gekommen zu sein. Die Truppen hier unten standen nicht in regelrechter Ordnung, sondern ruhten. Die Kavalleristen machten sich mit ihren Pferden zu thun, Husaren und Dragoner hatten sich über einen ziemlich großen Platz hin ausgebreitet und waren zum Teil abgestiegen, noch hatten die Offiziere, ganz in Beobachtung des Aufstieges vertieft, keine Posten ausgestellt. Pieter Maritz ritt langsam, indem er von Zeit zu Zeit anhielt und nach dem Berge blickte, gleichsam unabsichtlich nach rechts, bis er an den letzten Rotröcken vorbei war, und dann entfernte er sich im Schritt. Einige Dragoner schienen ihm nachzusehen, und Pieter Maritz hörte, daß einer von ihnen den andern fragte, wohin denn der Kamerad wolle, aber er wurde nicht angerufen und nicht verfolgt. Sobald er völlig außer Gesichtsweite war, gab er dann dem Pferde die Sporen und eilte im schnellsten Galopp zum Buernlager.

Er hatte kaum fünf Minuten zu galoppieren, bis er die Landstraße erreichte, welche zwischen dem Majuba und dem Lager hinlief, und hier traf er auf einen Buernposten, zwei Reiter, welche mit der Büchse im Arm die Straße überwachten. In diesem Augenblick traf der erste Sonnenblitz aus der verschwindenden Nacht hervor, und gleich darauf verbreitete sich strahlende Helligkeit über die erwachende Erde. Pieter Maritz rief laut und winkte mit der Hand, denn schon legten die Buern, welche die rote Uniform erblickten, ihre Büchsen an, und tödliche Kugeln hätten dem kühnen Jüngling seine That lohnen können. Zum Glück waren die Buern langsam in ihren Überlegungen, und im Bewußtsein ihrer Kraft nicht erschreckt durch das eilige Herankommen des einzelnen Mannes. Sobald sie die eigene Sprache in dem warnenden Rufe des vermeintlichen Dragoners vernahmen, setzten sie ihre Gewehre ab und ließen Pieter Maritz näher kommen. Er teilte ihnen in kurzen Worten mit, daß er zur Ausführung einer Kriegslist in der Uniform des Feindes sei, und eilte weiter.