»Nun vorwärts und ihnen nach!« rief Pieter Maritz. »Jetzt könnten wir wohl den Rand der Höhe erreichen.«

Sie stürmten vor, mit glühenden und von Staub und Pulver geschwärzten Gesichtern, die Gewehre in den Händen, aufwärts kletternd über stachliges Gebüsch und Fels. Ringsum krachten die Schüsse, und der Pulverdampf hüllte den steilen Hang ein. Hoch schlug die schwer arbeitende Brust, und das Herz pochte vor Kampfbegier. Sie stürmten vorwärts, kampfeseifrig und siegestrunken. Den wenigen Leuten bei Pieter Maritz schlossen sich die Männer aus der Schlucht an, und der ganze Haufe drang unaufhaltsam vor, während oben das Feuer fast ganz verstummt war. Über die Körper der am Hange liegenden Feinde hinweg drangen sie aufwärts und erreichten den Gipfel. Pieter Maritz war der erste, der den felsumsäumten Rand erreichte. Mit lautem, wildem Rufen liefen die Buern heran, und vor diesen mächtigen Stimmen flohen die letzten Verteidiger der Brüstung. Die Buern waren oben, und alsbald setzten sie sich an dem Rande fest, der einer Schanze aus Felsen gleich auf dieser Seite das Plateau des Majuba einfaßte.

Sie sahen, welches Werk ihre Büchsen gethan hatten. Tote Körper lagen umher und Verwundete ächzten am Boden. Mehrere englische Soldaten knieten noch hinter der Brüstung, als ob sie lebten, das Gewehr in den Händen, den Helm auf dem Kopf. Aber sie waren tot. Der Schuß in den Kopf hatte sie so plötzlich getötet, daß sie ihre Stellung nicht verändert hatten. Pieter Maritz stieß auf den alten Schotten, der den Tod des Generals Colley vorausgesagt hatte. Er lag im Anschlag und glich ganz einem Lebenden. Pieter Maritz erkannte ihn und wunderte sich, keine Wunde an ihm zu sehen. Als er aber auf die Gestalt zuging und ihr den Helm vom Kopfe nahm, da stürzte eine Flut roten Blutes unter dem Helm hervor: der Schotte hatte eine Kugel in die Stirn erhalten, und nur der sich ansaugende Helm hatte das Blut bis jetzt festgehalten. Fast alle, die hier lagen, waren durch den Kopf geschossen und waren tot, nur wenige lagen mit leichteren Wunden umher.

Von der Stelle aus, wo Pieter Maritz und die Buern neben ihm sich jetzt befanden, war das ganze Plateau zu übersehen. Es war sehr groß und hätte viele Tausende von Männern fassen können. Ringsum war es von natürlichen Wällen oder mächtigen Steinen eingefaßt, doch konnte der jenseitige Hang nicht deutlich erkannt werden, da er weit entfernt lag und das ganze Plateau in Pulverdampf gehüllt war. Doch waren die englischen Truppen in den anderen Teilen des hochgelegenen Kampffeldes gut zu sehen, und Pieter Maritz wußte, daß der Sieg nun so gut wie entschieden war, denn von nun an konnten die Soldaten den Buern keinen erfolgreichen Widerstand mehr leisten. Alsbald fing er an, nach drüben hin zu feuern, und alle Buern mit ihm entsandten ihre Kugeln nach dem entfernteren Teile, wo immer rote Röcke und blitzende Waffen durch den blauen Rauch zu erkennen waren.

Quer durch das Plateau auf der Höhe zog sich eine tiefe Einsenkung, welche das Kampfgefilde in zwei getrennte Abschnitte teilte, und hier boten Schluchten und Höhen den englischen Soldaten noch einmal eine Stellung zum Widerstande gegen die Buernschar, die den Gipfel erreicht hatte. Als die Kugeln in die Truppen einschlugen, ließ General Colley sofort diese Stellung besetzen. Aber der Kampf wurde jetzt ein verzweifelter für die Engländer, denn nach zwei Seiten hatten sie sich zu verteidigen. Von Osten her kamen die Buern langsam herauf und schossen die Verteidiger des Randes weg, von Norden her trafen die Kugeln vom Plateau selbst, dorther, wo Pieter Maritz war. Mann nach Mann stürzte nieder, und panischer Schrecken fing an, sich der Verteidiger zu bemächtigen. Pieter Maritz lief mit wenigen Begleitern entschlossen vor bis zum diesseitigen hohen Rande der quer laufenden Schlucht und sah, daß die englischen Soldaten haufenweise nach rückwärts, nach Süden liefen, Hochländer, Seeleute und Männer von den andern Regimentern durcheinander, während Offiziere mit dem Revolver in der Hand die Flüchtlinge bedrohten, sie mit dem Degen schlugen und sich doch vergeblich dem Strome der Flucht entgegenstellten. Es waren schreckliche Scenen. Wie die Schützen auf der Treibjagd nach dem vorbeifliehenden Wilde schießen, so schossen jetzt die Buern in die flüchtige Menschenschar. Schuß auf Schuß traf, es war ein entsetzlicher Kampf. Jetzt kamen von Osten die breiten Hüte über den Rand emporgeklettert, und sichere Schüsse kamen auch von dort. Pieter Maritz sah einen Augenblick den General Colley selbst. Der General stand inmitten einer Gruppe von Soldaten, die er zum Aushalten bewogen hatte, den Revolver in der Rechten, die linke Hand hoch in der Luft, wie um zu winken. Er stand in trotziger, tapferer Haltung da, als ob er, dem Felsen in der Brandung gleich, der Flut allein Widerstand leisten wolle. Aber im nächsten Augenblick sanken seine Hände herab, der Helm entfiel seinem Kopfe, er stürzte nieder, und um ihn her sanken die Soldaten wie niedergemäht zu Boden. Die mächtigen Gestalten der Buern erschienen jetzt überall auf dem Plateau, sie verbargen sich nicht mehr hinter Steinen, sie gingen frei umher und feuerten im Stehen ihre Büchsen ab. Als ob ein starker Wind über die Höhe hinfege, so fegten sie die hoch gelegene Fläche ab.

General Colleys Ende.

Pieter Maritz lief vor. Er sprang über tote und zuckende Leiber hin und eilte bis an den jenseitigen Hang, von welchem die letzten der besiegten Engländer hinabflüchteten. An denselben Punkten, wo sie langsam und mühevoll heraufgeklommen waren, eilten sie nun in toller Hast abwärts. Die Büchsen hinter ihnen schienen ihnen Flügel zu verleihen, Todesangst trieb sie. Pieter Maritz vermochte nicht mehr zu schießen. Mitleid und Jammer fesselten seine Hände. Er sah die Engländer gleich einer scheuen Antilopenherde hinabspringen. Von Fels zu Fels sprangen sie in toller Angst, und mancher stürzte kopfüber und brach den Hals oder fiel mit gebrochenen Beinen in eines der tiefen Löcher am jähen Hange. Viele aber traf von oben die Kugel in den Rücken. Denn die Buern standen jetzt am Rande. Sie hatten eine lange Kette gebildet, und teils am Berge, teils oben auf dem Gipfel stehend, feuerten sie auf alles, was Uniform trug. Schrecklich sah es aus, wenn mitten im Lauf oder Sprung einen der Flüchtigen die Kugel ereilte und er dann mit gellendem Schrei die Arme ausbreitete und mit dem Kopfe voran niederstürzte.

Aber nicht nur die Truppen, welche oben gewesen waren, sondern auch die dort unten kamen in das tödliche Feuer der Buern. Pieter Maritz erblickte plötzlich die Husaren in wilder Flucht. Ganz klein an Gestalt, nicht größer als Heuschrecken, sah er sie unten in tollem Jagen über das grüne Gras zerstreut. Eine Buernschar war hinter ihnen. General Joubert hatte einen Haufen nordwärts um den Berg herumgeschickt, und dieser trieb die Truppen im Thale vor sich her. Pieter Maritz wandte sich ab und ließ seinen Blick über das Plateau hin schweifen. Sieg, völliger Sieg! Ein Haufe von etwa hundert Soldaten stand von Buern umgeben gefangen da, sonst aber waren alle tot, die oben gestanden hatten, und der Rest ward am Hange gehetzt. Verwüstung und Tod bedeckte den Majuba. Überall Tote, überall verwundete Männer, überall Blut, überall Ächzen und Stöhnen. Um ihren toten General zerstreut lagen die Offiziere und Soldaten tot am Boden, und die siegreichen Buern erfüllten das Plateau. Pieter Maritz streifte über das Gefilde hin und fragte nach den Freunden und Verwandten: es erschien ihm wie ein Wunder: von den Buern war nur einer gefallen und sechs waren verwundet. »Welch ein Sieg!« rief der Buernsohn mit einem Blick zum Himmel, »welch ein Sieg!«