[Sechstes Kapitel]
Lord Adolphus Fitzherbert

Pieter Maritz harrte den ganzen folgenden Tag auf ein Wort des Missionars, welches ihn ermuntern sollte, die fernere Reise ins Ungewisse mitzumachen, aber der Missionar sprach nicht. So ging es auch den zweiten und den dritten Tag. Der Missionar wollte sich in diesen Tagen von den Anstrengungen der vorhergehenden Zeit erholen und zu den bevorstehenden Mühen neu kräftigen. Darum blieb er ruhig bei den Brüdern von Botschabelo, nahm an deren Gottesdienst teil, predigte an dem Sonntage, der innerhalb der drei Ruhetage fiel, und erging sich in erbaulichen Gesprächen mit den Männern und Frauen, die gleich ihm an der schweren Arbeit beschäftigt waren, die unwissenden Köpfe und kindischen Herzen eines auf tiefer Stufe stehenden Volkes zu einem guten Acker für Gottes Wort umzupflügen.

Pieter Maritz wagte nicht, von sich selbst aus seinen Wunsch wieder in Erinnerung zu bringen, aber er war keineswegs andern Sinnes geworden. »Kehre ich zurück,« dachte er, »so bin ich ein thörichtes Kind in den Augen der Knaben wie der Männer, denn ich habe meinen Auftrag nicht vollführen können. Und selbst wenn ich keine Strafe bekomme — zu Hause bin ich immer nur ein Knabe, aber hier draußen gelte ich als Mann.«

Die Bilder eines ereignisreichen Lebens in der Ferne bewegten lebhaft sein Herz. Er sah mit Sehnsucht nach den fernen blauen Bergen hinüber und es war ihm wie dem Vogel, der seine Schwingen hebt, um in ferne Länder zu ziehen. Seine Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß sich ihm Gelegenheit bieten würde, ruhmreiche Dinge zu vollführen, so daß bei seiner späteren Rückkehr die Gemeinde mit Bewunderung auf ihn blicken und seine Altersgenossen ehrfurchtsvoll flüstern würden: »Das ist Pieter Maritz, der für sein Vaterland große Dinge gethan hat.«

Der Missionar hatte seinen Aufbruch für den vierten Tag festgesetzt, und Pieter Maritz hatte sich vorgenommen, falls der alte Mann nichts sage, sich einfach dem Zuge anzuschließen und herzlich zu bitten. Die ganze Versammlung der Brüder von Botschabelo nebst den Frauen und Mädchen saß am Abend vor der geplanten Abreise beim Essen zusammen, und eben war das Tischgebet gesprochen worden, als sich draußen ein großer Lärm erhob. Schreien und Jauchzen vieler Stimmen drang in das große Gemach, und alsbald kamen mehrere schwarze Diener hereingelaufen und meldeten in höchster Aufregung, daß fremde Krieger den Berg heraufgezogen kämen.

Die Brüder erhoben sich bestürzt von ihren Sitzen und ließen das Abendessen stehen, um vor die Thür zu treten; der erste aber, der draußen war, um zu sehen, was es gebe, war Pieter Maritz. Da hatte er einen Anblick, der sein Herz laut klopfen machte und ihn voll Bewunderung regungslos auf die Stelle bannte.

Ein Zug von Reitern kam die Straße bergauf geritten, wie er deren noch nie gesehen hatte. In den Strahlen der niedrig stehenden Sonne funkelten Waffen, glänzendes Lederzeug und der metallene Beschlag von weiß leuchtenden Helmen. Die Reiter waren in scharlachrote Röcke gekleidet, trugen hohe blanke Stiefel, ritten auf sehr schönen, großen Pferden und sahen so stolz und prächtig aus, wie Pieter Maritz niemals gedacht hatte, daß Krieger aussehen könnten. Er zählte ihrer vierundzwanzig, die zu dreien in einer Reihe ritten, ihnen voran kam ein blutjunger Mann, der das Kommando führte, und hinterher ritt ein bärtiger Soldat, der durch goldene Streifen auf dem Ärmel seines Rockes ausgezeichnet war.

Der Zug hatte den tiefsten Eindruck auf die ganze Gemeinde von Botschabelo gemacht. Es war niemand daheim geblieben, sondern alt und jung, Männer, Weiber und Kinder waren herbeigelaufen, schrieen vor Entzücken und zugleich vor Furcht und drängten sich so auf dem Wege, daß die Reiter nur in langsamem Schritte vorwärts kamen und sich in acht nehmen mußten, die neugierigen, tanzenden und schreienden Schwarzen nicht durch die Hufe ihrer Pferde zu Boden treten zu lassen.