[Siebentes Kapitel]
Titus Afrikaner
Pieter Maritz war schon eine Strecke weit vorgekommen, während der englische Offizier den Sprung über den Wall unternahm, aber er hörte das Krachen des Sturzes und hielt bei diesem Tone sein Pferd an. Als er sah, was geschehen war, ritt er alsbald zurück, sprang aus dem Sattel und lief auf den gestürzten Verfolger zu. In diesem Augenblicke richtete sich der Rappe, der eine kurze Zeit betäubt dagelegen hatte, empor, sprang auf die Füße und blieb an allen Gliedern zitternd auf dem Flecke stehen, wo er gefallen war. Lord Adolphus Fitzherbert dagegen blieb liegen. Er lag auf dem Rücken, der Helm war ihm vom Kopfe gefallen, sein Gesicht war jetzt ganz bleich, doch war die Stirn von Blut bedeckt, und Blut rann in sein kurzes dunkles Haar. Mit der linken Hüfte lag er auf dem Griff seines langen schweren Degens.
Voll Mitleid bog sich der Knabe über ihn, stützte des Verwundeten Kopf und zog den Pallasch unter dem Körper hervor. Der Leutnant öffnete die Augen nicht, er war bewußtlos.
Hätte ich doch Wasser, um ihm die Stirn zu waschen! dachte der Knabe. Es fiel ihm ein, daß der vornehme junge Mann beim gestrigen Abendessen ein weißes, beinahe durchsichtiges Tuch aus der Tasche gezogen und sich damit die Oberlippe gewischt hatte. Der Nutzen eines solchen Tuches war ihm unbegreiflich gewesen, aber jetzt dachte er, es könne nützlich sein. Er zog das Schnupftuch aus einer der hinteren Taschen des befleckten und zerrissenen Waffenrocks und trocknete damit das Blut von der Stirne. Da sah er, daß ein langer Riß die Kopfhaut vom rechten Augenlid bis zum Scheitel trennte. Er beschloß, den Verwundeten wieder in das Gras niederzulegen und Wasser zu suchen.
In dem Augenblick aber, wo er den schweren Oberkörper sanft niedergleiten ließ, ertönte ein wildes Geheul ganz in der Nähe, welches ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Es war ein wildes, triumphierendes, langgezogenes Geschrei, welches ringsum von allen Seiten erscholl, und in derselben Sekunde fühlte sich der Knabe von starken Fäusten gepackt und sah eine Menge dunkler Gestalten mit großer Schnelligkeit vor sich auftauchen. Sie mußten erstaunlich geräuschlos herangeschlichen sein, denn nicht einmal das Rascheln welken Grases hatte ihre Ankunft verkündigt, und nun erfüllten sie wie aus dem Boden gewachsen den Raum umher.
Voll Bestürzung blickte Pieter Maritz sich nach allen Seiten um, während er so festgehalten wurde, daß er sich nicht im geringsten bewegen konnte. Wohl an vierzig Schwarze umringten ihn und den am Boden liegenden Offizier. Einer hatte die Zügel des Rappen, ein anderer Jagers Zaum ergriffen, und nun nahmen ihm flinke Hände die Büchse und den Patronengurt ab und gürteten den Hirschfänger von seiner Hüfte ab. Die Schwarzen waren von wildem Aussehen. Sie waren alle bewaffnet, die meisten mit Bogen und Pfeilen, Streitäxten, Wurfspießen und länglichen Schilden, einige aber auch mit Gewehren, und diese trugen nach Art der Buern einen Patronengurt über der Schulter. Manche waren mit Beinkleidern und Blusen oder auch mit Jacken oder wollenen Hemden bekleidet, andere trugen ein Fell vom Panther oder Tiger über den nackten Schultern, einige wenige waren unbekleidet bis auf den Karoß, ein kurzes Fell, welches um die Hüften gebunden wird und einen kleinen Schurz bildet. Alle aber trugen kriegerischen Kopfputz, indem aus ihren gelockten und mit Fett befestigten Haaren Federbüsche vom Strauß, vom Adler und von anderen Vögeln emporragten. In ihrer Mitte bewegte sich ein älterer Mann von gebieterischem Wesen, der ein glänzendes Halsband von großen weißen Zähnen, einen polierten Kupferring um den rechten Oberarm und einen Mantel von Löwenfell um die Glieder geschlungen trug.
Dieser wendete sich an Pieter Maritz und fragte ihn in fließendem Holländisch, woher er komme und was die Scene mit dem Jüngling in dem roten Rocke zu bedeuten habe.