Pieter Maritz beugte den Oberkörper auf Jagers Hals vor und schnalzte ermunternd mit der Zunge. Wie ein Wirbelwind stob das treue Tier dahin. Das Futter in Botschabelo und die Ruhe während der drei Tage, wo der Knabe nur zu Spazierritten ausgewesen war, hatten das Pferd neu gekräftigt, und seine Beine schnellten über das Gefilde hin mit einer außergewöhnlichen Behendigkeit. Seitwärts des Weges, den sie geritten waren, floß ein Wässerchen mit flachen Ufern, welches sich an manchen Stellen seeartig erweiterte. Auf eine dieser Stellen, welche er schon vom Wege aus entdeckt hatte, lenkte Pieter Maritz hin. Das Wasser war hier wohl über hundert Schritte breit. Der Knabe jagte hinein und bald verlor das Pferd den Boden unter den Füßen und mußte schwimmen. Mitten im Wasser sah er zurück. Die Dragoner zauderten am Ufer, doch der Unteroffizier und fünf Mann warfen sich ebenfalls in das Wasser, indem sie dem Leutnant folgten. Pieter Maritz kam ans andere Ufer, als die Verfolger noch mitten im Wasser waren. Dann trabte er gelassen weiter. Er wählte sich das am meisten durchschnittene Terrain aus: dorthin, wo die Gebüsche dicht auf unebenem Boden standen, wo Felsblöcke umherlagen und von stachligen Kaktus umgeben waren und wo Bäche die Landschaft durchschnitten — dorthin lenkte er Jager. Jetzt stiegen die Verfolger, deren prächtige Uniformen von Wasser trieften, ebenfalls ans Land, und der Knabe setzte sein Pferd in langen Galopp. Vor ihm rannte eine Herde Springböcke her, die gleich Gummibällen elastisch in weiten Sätzen flohen, und ein Rudel Gnus mit Hörnern gleich den Büffeln und Pferdeschweifen. Nach einem rasenden Ritt, der wohl eine halbe Meile Landes durchmessen hatte, vernahm Pieter Maritz nur noch wenig von dem Lärmen, der ihm zu Anfang im Rücken gewesen war. Er sah wieder zurück und erblickte keinen von den Dragonern mehr auf der Verfolgung. Ganz weit entfernt sah er die Truppe wieder zu einem dunklen Haufen versammelt, und nur noch der Leutnant war hinter ihm. Das schöne schwarze Pferd machte seiner edlen Abstammung Ehre, es kam jetzt eben mit einem weiten Satze über einen tief eingeschnittenen Bach dahergeflogen. Nur etwa zwanzig Schritte war es hinter Jager.
Pieter Maritz rief seinem Pferde zu, und wie ein Pfeil schoß es vorwärts. Vor ihm lag ein Dickicht von Aloes und buschförmigen Euphorbien, zwischen denen stachelige Mimosen standen, welche Dornen trugen, die Fischangeln ähnlich gestaltet waren. Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Mimose, der acacia detinens, schon von weitem. Das Gebüsch stand nicht so dicht, daß nicht ein landesgewohntes Tier wie Jager hätte hindurchkommen können, und in der That wand sich Jager, obwohl in vollem Laufe, einem Aale gleich hindurch, indem er die stacheligen Büsche vermied. Aber dem Engländer ging es nicht so gut. Pieter Maritz blickte sich wieder um und mußte lachen, als er einen langen Riß in der Brust des prächtigen Waffenrocks klaffen und den einen Schoß in Fetzen herabhängen sah. Von der Brust des schwarzen Pferdes und an seinen Beinen lief das Blut herab, und der Schweiß rieselte an ihm nieder. Der Engländer hatte die Lippen zusammengepreßt, seine Augen funkelten vor Wut, und sein Gesicht war vor Hitze so rot wie sein Rock.
Jetzt brach Jager aus dem Dickicht hervor, und gleich hinter ihm kam das schwarze Pferd. Der Boden war hier so eben wie eine Tenne, das Gras kurz, und kein Hindernis auf wohl tausend Schritte Entfernung. Die langen Beine des englischen Rassepferdes gewannen hier Vorteil, und so schnell Jager lief — der Engländer kam, von heftigen Sporenstößen getrieben, jetzt vor, die Nase des Rappen schnob auf Jagers Kruppe, und schon streckte der Offizier die Hand aus, um Pieter Maritz zu ergreifen. Da bog der Knabe aus und lenkte seitwärts. Er fürchtete sich nicht, mit dem Leutnant ins Handgemenge zu kommen; er vertraute darauf, ihn mit dem Hirschfänger fern halten zu können, wenn er wollte, aber es galt die Ehre des Reitens. Noch hatte Jager nicht seine beste Kraft eingesetzt. Auch wollte der Engländer offenbar nicht von seinem Revolver Gebrauch machen. Ritterlichkeit und Eitelkeit verboten dem vornehmen jungen Mann, sich in diesem Wettrennen anderer Waffen als der Schnelligkeit seines Pferdes und seiner bloßen Hand zu bedienen.
Pieter Maritz' Flucht.
Einen lauten Ruf der Ermunterung stieß der Knabe aus, indem er dem Griffe des Offiziers entschlüpfte, und dieser Ruf schien Jager Flügel zu verleihen. Er lief auf dem ebenen Boden mit der Leichtigkeit der Antilope hin und ließ den Rappen hinter sich. Nun war die freie Fläche überschritten, und eine Schlucht, auf deren Grunde ein Bach rieselte, versperrte den Weg. Es war ein schwer zu passierendes Hindernis, denn steil ging es hinab und steil hinauf, und dazu lagen große Steine an beiden Abhängen, welche der Bach wohl, im Gewitter hoch anschwellend, vom Gebirge hergespült hatte. Für Jager, der an Ritte in diesem Lande und an die Jagd querfeldein gewöhnt war, bot diese Schlucht gleichwohl nur geringe Schwierigkeit. Pieter Maritz ließ ihm den Zügel, und das kluge Tier kletterte in schräger Linie mit der Gewandtheit einer Katze hinab, sprang über das Wasser und kletterte jenseits empor. Aber für den Engländer war dies ein ganz ungewöhnliches Ding, und nur der maßlose Ärger des jungen Mannes vermochte ihn, sein Pferd hier durchzutreiben. Mit ängstlichem Schnauben stieg der Rappe vorsichtig hinab, und es bedurfte wiederum der Sporen, um ihn durch diese tiefe Schlucht zu bringen. Der Knabe hatte einen solchen Vorsprung gewonnen, daß er Jager in ruhigem Schritt eine Minute lang verschnaufen lassen konnte. Ja, das Leben seines Verfolgers war völlig in seiner Hand. Er hätte nur die Büchse von der Schulter zu nehmen und es zu erwarten brauchen, daß der Offizier über dem Rande der Schlucht wieder auftauchte. Aber er dachte nicht daran; sein Zorn über die Beleidigungen des Lord war völlig verraucht.
Jetzt war der Rappe wieder auf ebenem Boden und die Jagd begann von neuem. Der Engländer setzte das Äußerste daran. Die Leidenschaft des Wettrennens hatte sich seiner völlig bemächtigt und ließ ihn jeder Vernunft vergessen. Er konnte den Gedanken nicht vertragen, von dem Buernjungen verhöhnt zu werden und sein herrliches Schlachtpferd besiegt zu sehen. So trieb er den Rappen zum stärksten Laufe an.
Aber immer unerreichbar blieb der Buernsohn vor ihm. Es war, als sei er zusammengewachsen mit seinem Pferde. Das waren nicht zwei Gestalten, Roß und Reiter, sondern es war nur eine Figur, und sie glitt mit einer Leichtigkeit, mit einer zierlichen Behendigkeit dahin, deren Anblick den Verfolger rasend machte. Wie zum Hohne schien ihm der Knabe so oft rückwärts zu blicken, und die blonden flatternden Locken schienen den jungen Mann zu äffen. Das Blut tobte ihm im Gehirn, seine Schläfen pochten, und es war ihm zuweilen, als ritte er hinter einer Traumgestalt her, wie sie wohl den Schläfer neckt, der sich vergeblich bemüht, das ungreifbare, vor ihm entweichende Bild zu erfassen.
Jetzt näherte sich die Jagd dem Walde. Wie eine dunkle Wand, doch durch die eigentümliche Beleuchtung des sonnigen Himmels in einen bläulichen Schleier gehüllt, dehnte sich ein unabsehbarer Wald vor den Reitern aus. Und dicht vor ihnen tauchte jetzt aus dem hohen Grase und den Büschen ein Wall auf, den die Natur erschaffen hatte, der aber so gleichmäßig geformt war wie eine Mauer. Jager verlangsamte seinen Lauf, als er des Walles ansichtig wurde, dann sammelte er seinen Körper und sprang mit einem schnellenden Satze, einem Panther ähnlich, oben hinauf und auf der andern Seite mit einem zweiten Satze hinunter auf den weichen Boden.
Der Engländer folgte. Aber angesichts des Walles scheute der Rappe und bog seitwärts aus. Der Leutnant führte das Tier im Bogen wieder vor, und als es sich bäumte, stieß er ihm mit voller Gewalt die Sporen in die Weichen. Der Rappe rannte in Angst und Schmerz vorwärts, hob sich zum Sprunge, — aber ungewohnt des Terrains und auch von seinem Reiter nicht ganz richtig geführt, wollte er den Wall mit einem Satze nehmen, anstatt oben hinaufzuspringen. Herrlich hob sich das schöne Tier und flog vorwärts, aber seine Kraft langte zu einem so gewaltigen Sprunge nicht mehr aus. Mit den Vorderbeinen kam es hinüber, aber die Hinterhufe schlugen an den oberen Rand des Walles, und, sich überstürzend, rollte der Rappe am Boden. Lord Adolphus Fitzherbert flog in hohem Bogen während des Sturzes aus dem Sattel, schlug schwer zu Boden und blieb regungslos liegen.