Pieter Maritz nickte und teilte dies dem Anführer mit.

Dieser hatte dem Zwiegespräch aufmerksam zugehört und antwortete jetzt auf die ihm übersetzte Mitteilung des Engländers, daß ein anderer darüber zu entscheiden haben werde. »Für jetzt aber,« fügte er hinzu, »macht euch fertig, denn ihr sollt weiterziehen.«

Auf seinen Wink kamen wieder zwei Männer heran, welche den Engländer auf die Tragbahre legten, ein Dutzend andere, alle gut bewaffnet, umringten die Bahre und den Knaben und lösten die Pferde los, und dann ging es in derselben beschleunigten Gangart, mit welcher sie gekommen waren, weiter. Mit einem Gefühl der Beruhigung sah Pieter Maritz, daß einer der Kaffern seine ihm vom Vater vererbten Waffen trug. Die Hoffnung flüsterte ihm zu, daß dies eine gute Bedeutung habe, daß er ebensowenig seiner Waffen wie seines Pferdes für immer beraubt werden solle. Der Anführer der Bande und deren größter Teil blieben bei den Hütten im Walde zurück, nur eine Begleitung von vierzehn Schwarzen brachte die Gefangenen und ihre Pferde weiter.

Mit immer gleicher Geschwindigkeit ging es in dem ungeheuren Walde weiter, bis die Sonne sank. Dann wurde Halt gemacht und ein Feuer angezündet. Die Schwarzen trafen keine Art von Vorsichtsmaßregeln, um ihre Gefangenen an Flucht zu verhindern, da sie die Finsternis und den Wald für genügende Sicherung halten mochten, sondern stellten nur eine Wache aus, welche auch das Feuer unterhalten mußte, und legten sich schlafen. Auch die Gefangenen schliefen, ohne sich durch das Gebrüll der Panther stören zu lassen. Beide waren todmüde, der Engländer durch seine Verletzungen, Pieter Maritz durch den langen und ihm ungewohnten Marsch.

Früh am Tage ward wieder aufgebrochen, nachdem ein jeder von dem mitgenommenen Fleisch zu essen bekommen hatte. Lord Adolphus Fitzherbert war wieder einigermaßen gekräftigt und sprach in freundschaftlicher Weise mit dem Knaben, über dessen Gesellschaft er nun sehr froh war. Es ging den ganzen Tag im Walde weiter, und nur einmal ward eine Rast von einigen Stunden gemacht, um eine Mahlzeit aus einer Elenantilope zu bereiten, die einer der Kaffern unterwegs geschossen hatte. Pieter Maritz dachte oft über die Möglichkeit einer Flucht nach. Wenn es ihm gelang, auf Jagers Rücken zu kommen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, davonzueilen, und oft sah er das Pferd trübselig an, und dann schien es ihm, als blicke das Tier auch ihn mit Verwunderung und Teilnahme an. Aber der Gedanke an das Schicksal des Engländers verscheuchte wieder derartige Wünsche. Das Verhältnis zwischen ihm und dem jungen Lord veränderte sich mehr und mehr und wurde ein vertrauliches. Er hätte es wohl schon zu Anfang der gemeinsamen Gefangenschaft nicht übers Herz gebracht, seinen Schicksalskameraden zu verlassen; nun aber, wo sie freundliche Gespräche ausgetauscht hatten, schien es Pieter Maritz ganz unmöglich zu sein, davonzugehen und den andern allein zu lassen. Das Befinden des Engländers hatte sich übrigens im Laufe der Nacht und des darauf folgenden Morgens so sehr gebessert, daß er am Nachmittag schon eine kleine Strecke zu Fuße gehen konnte. Er klagte jetzt mehr über seine linke Hüfte als über seinen Kopf, denn die Hüfte war ihm durch den Sturz auf den Degengriff arg zerstoßen worden.

Am Abend dieses Tages kamen sie in gebirgiges Land. Höhen und Thäler wechselten ab und alles war mit Wald bedeckt, der nun niedriger wurde und viel Unterholz hatte. Die Berge wurden allmählich höher, und der Wald hörte an manchen Stellen auf. Tief eingeschnittene Thäler eröffneten sich, Wildbäche rauschten von den Höhen hernieder, und über die niedrigeren Berge hinweg waren die Spitzen sehr hoher Gipfel im Hintergrunde zu sehen.

Der Engländer stieg von seiner Tragbahre herab und ging eine Strecke zu Fuß. Zwar wollten die Schwarzen in ihrer bisherigen raschen Gangart bleiben, aber der Engländer, der nur langsam gehen konnte, fuhr sie drohend an, und sie bequemten sich, obwohl sie nicht verstanden, was jener sprach, seinen Gebärden zu gehorchen. Sie waren die Herren, und er war ihr Gefangener, aber so groß war die ihnen eingeborene Ehrfurcht vor der weißen Farbe, daß sie nicht wagten, seinem Willen entgegen zu handeln.

Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich auf Pieter Maritz' Schulter und ging in vertraulicher Weise mit dem Knaben. Sein Benehmen gegen ihn hatte sich vollständig geändert. Mochte es nun der Respekt sein, den ihm dessen Reiten eingeflößt hatte, oder das Gefühl, in ihm den einzigen Genossen von gleichem Stamme zu haben, oder mochte auch das gute ehrliche Gesicht des Knaben Eindruck auf ihn gemacht haben — genug, er behandelte Pieter Maritz in freundlicher Weise und fast wie seinesgleichen.

»Wie schön ist diese Landschaft!« sprach er zu ihm. »Sehen Sie dort die blauen Bergeswipfel über die dunklen Schluchten emporragen und die rotglühenden Wolken sich an den Höhen festhängen! Sehen Sie dort den glitzernden Gießbach über den schwarzen Hang sich herabstürzen! Wie das schäumende Wasser zwischen den starren dunklen Felsen und Bäumen glänzt! Wahrlich, dies Land ist so schön wie nur irgend ein von Fremden gesuchtes Stück in den Alpen oder Pyrenäen in unserer Heimat, Europa.«

Pieter Maritz sah den Sprecher verwundert an, begriff nicht, was der bleiche junge Mann mit seinem schwärmerischen Blicke dort in der Ferne suchen könne, und erwiderte lachend: »Das Land ist nicht schön, Mynheer. Es sind ja nichts als wüste Berge und unfruchtbare Bäume. Keine gute Weide für das Rindvieh, kein Gras für das Wild und kein Boden für Mais und Weizen!«