»Man will uns holen,« sagte der Engländer zu dem Knaben. »Dies möchte wohl unsere letzte Stunde sein. Ich bin wirklich neugierig, zu sehen, in welcher Weise diese Niggers Hinrichtungen zu vollziehen pflegen. Wären wir fetter, so möchte ich doch wohl zu der Ansicht neigen, daß man uns rösten und fressen will.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Tiefer Ernst lag auf seinem Gesicht, aber seine Augen blitzten von so mutiger Entschlossenheit, daß der im Galgenhumor scherzende vornehme junge Mann ihn von neuem mit hoher Achtung ansah.

Inzwischen war der bewaffnete Trupp ganz nahe herangekommen, und die Gefangenen erkannten, daß Titus Afrikaner selbst an ihrer Spitze war. An seiner Seite stand ein Mann, den sie tags zuvor noch nicht gesehen hatten. Dieser war eine so bemerkenswerte Erscheinung, daß sie ihn gewiß nicht vergessen haben würden, wenn er am vergangenen Abend mit im Kreise des Häuptlings gewesen wäre. Er hatte an Hautfarbe und Gesichtsschnitt große Ähnlichkeit mit Titus Afrikaner, doch war er größer und stärker gebaut. Er trug eine Mütze von dunkelgrauem Affenfell auf dem schwarzen krausen Haar, und um seine Hüften schlang sich ein Mantel von demselben Stoff. Er trug an seinem nackten rechten Arm, der frei aus dem Mantel hervorsah und dessen Hand den Lauf einer Büchse umschloß, ähnliche goldene Ringe wie der Häuptling selber. Etwas Vornehmes und Gebieterisches in seiner Haltung wie die eigentümliche Farbe seines Anzugs brachten Pieter Maritz auf die Vermutung, daß dies der Bruder des Häuptlings, daß es Fledermaus sei.

Titus Afrikaner richtete das Wort an die Gefangenen. »Dies ist der Tag, an welchem ihr sterben müßt,« sagte er. »Aber ihr sollt noch lange genug leben, um zu sehen, wie die Basutofürsten im Kampfe ihre Feinde schlagen. Die Weißen sind heimtückisch und treulos, sie töten die Schwarzen, die mit ihnen ein Bündnis geschlossen haben, aber die Basuto töten ihre Feinde im offenen Kampfe. Die Buern ziehen die Berge heran, um ihr Vieh wiederzuholen. Sie sollen ihre eigenen Leiber in den Bergen liegen lassen.«

Titus Afrikaner und seine Gefangenen.

Pieter Maritz wußte im ersten Augenblicke nicht, wie er die Worte des Räubers verstehen sollte. Hatte dieser wirklich gemeint, jetzt, zu dieser Stunde, seien die Buern im Anzug, oder hatte er sich nur bildlich und allgemein ausgesprochen? Sein Herz klopfte mächtig in der Brust. Der Gedanke, möglicherweise könnten seine Landsleute in der Nähe sein, erweckte die schlummernde Hoffnung von neuem. Es war ja sehr denkbar, daß die Buern der Umgegend, denen am Tage vorher eine ganze Herde Ochsen geraubt worden war, sich versammelt und auf den Marsch gemacht hätten, um das Ihrige wiederzuholen und an den Räubern Rache zu nehmen. Er selber hatte schon solche Kommandos begleitet, und bei einem solchen Zuge war es gewesen, daß sein Vater die tödliche Wunde erhalten hatte.

Er betrachtete den Häuptling und sah, daß dessen Anzug geändert war. Titus Afrikaner hatte die weiße Tunika abgelegt und sich dafür mit einem Karoß, dem kleinen Fellschurz, umgürtet. Er trug eine Büchse in der Hand und einen Patronengurt über der nackten, muskulösen Brust. Auch den weiten faltigen Löwenfellmantel hatte er abgelegt und dafür ein leichtes und engeres Gewand von Leopardenfell um die Schultern geworfen. Seine nackten Beine waren unterhalb der Kniee mit einem Riemen umgürtet, von welchem weiße Zipfel, aus dem Fell des kleinen gestreiften Maushundes geschnitten, bis auf die Knöchel herabbaumelten. Es war zu erkennen, daß er sich zum Kampfe gerüstet hatte.

Pieter Maritz teilte dem Lord den Inhalt der Rede des Häuptlings mit, und alsbald traten mehrere der Schwarzen heran, banden den Gefangenen die Hände mit Riemen auf den Rücken und nötigten sie, dem Zuge der Krieger zu folgen, welche sich nach dem hinteren Teile der Höhle begaben.

Es ging in einen engen Gang hinein, der vielfach gewunden war und bergauf stieg, aber allmählich heller ward, indem die Felsen sich oben auseinander thaten und dem blauen Himmel Einblick vergönnten. An mehreren Stellen dieses schmalen, aber nun oben offenen Ganges waren erweiterte Plätze, und hier lagen riesige Steinblöcke, mit denen der Gang selber verschlossen werden konnte, wenn etwa Feinde diesen Schlupfwinkel entdecken und angreifen sollten. Doch war die Gefahr eines solchen Angriffs nur gering, das sahen die Gefangenen, als sie an das Ende des schmalen Ganges gelangten.