Sie hatten eine weite Fernsicht, als sie an dessen Ausgang kamen und die dichte Masse der vor ihnen herziehenden Schwarzen sich nun abwärts in das vor ihnen liegende Thal hinab verlor. In unbegrenzter Weite dehnte sich vor ihren Blicken der strahlende blaue Himmel aus, und unten lag Berg an Berg, Thal an Thal, teils in blauem Dufte verschwimmend, teils mit Grün überkleidet in der Nähe zu ihren Füßen. Es wäre wohl ein herrlicher Anblick für sie gewesen, wenn nicht die Aufregung über das eigene Geschick sie so sehr beschäftigt hätte, daß sie keine Aufmerksamkeit auf die Schönheit der sie umgebenden Welt verwenden konnten. Dennoch fühlte sich ihr betrübtes Gemüt durch die helle Sonne und den Glanz der Landschaft nach dem Aufenthalt in der Höhle erfrischt und gehoben.
Der schmale Gang mündete in der Nähe des Gipfels eines hohen Berges, oberhalb eines steilen Abhanges, und der Berg, in welchem die Höhle lag, zeigte sich von dieser Seite in einer ganz andern Gestalt als von der Seite, auf welcher die Gefangenen am vergangenen Abend in die Höhle hineingekommen waren. Sie waren allmählich zur Höhe hinangeklommen und hatten nicht bemerkt, wie hoch und schroff der Berg war, der auf seiner westlichen Seite von einem Gebirgssee bespült wurde, während er im Osten seinen Hang jählings in eine große Tiefe neigte. Vor ihnen kletterte die lange Reihe der Schwarzen auf einem sehr engen Wege im Zickzack in das Thal, und sie sahen von oben in Hunderte von krausen Wollköpfen mit Federschmuck und Hunderte von Speerspitzen hinab, hinter ihnen kam wiederum eine lange Kette von Bewaffneten, deren letzte Glieder noch im Berge versteckt waren, als die Gefangenen bereits einen guten Steinwurf weit vom Ausgang der Höhle entfernt hinunterstiegen.
»Ein schlauer Fuchs ist dieser Niggerhäuptling,« sagte der Lord. »Er hat mehrere Eingänge zu seinem Bau, und der Teufel selbst sollte nicht ahnen, wie das Ding von hinten aussieht, wenn er es nur von vorn gesehen hat. Doch finde ich es frech, daß er aus dem sicheren Versteck heraus ans Tageslicht kommt, um sich draußen zu schlagen.«
»Er ist kühn,« entgegnete Pieter Maritz, »aber doch handelt er vorsichtig, dem Feinde entgegenzugehen, denn er will ihn wohl fern von seiner festen Burg halten und bewahrt sich diese für die letzte Not auf.«
Der junge Lord sah im hellen Tageslicht höchst traurig aus, von seiner glänzenden Erscheinung war nichts übrig geblieben. Mitleidig sah der Knabe ihn an. Der Scharlachrock war völlig beschmutzt und hing, da ihm die Knöpfe fehlten, formlos herab. Lehm und Wasser, der schwarze Boden der Höhle und der fettige Schmutz der Lagerfelle hatten ihm seine schöne Farbe nur an wenigen Stellen gelassen, und die Fetzen hingen herunter. Der Kopf war bloß, nur mit dem großen Pflaster bedeckt, welches der Kaffernarzt ihm aufgelegt hatte. Dies Pflaster war schwarzbraun und zog sich bis zur Augenbraue hin. Das Gesicht war sehr bleich infolge der Anstrengungen, der Aufregung und der Verwundung. Nur der Ausdruck seines Gesichts war noch von dem alten Stolz durchdrungen. Auch Pieter Maritz war in seiner äußeren Erscheinung nicht unberührt von den Ereignissen der letzten Tage geblieben. Seine Bluse hatte mehrere Risse. Aber dieser dunkle, ungemein derbe Anzug konnte mehr vertragen als die Uniform des Engländers, und weder das lederne Beinkleid, noch der Rock, noch der breitkrempige Hut hatten ernstlichen Schaden genommen.
Der Knabe sah die Sonnenstrahlen auf des jungen Mannes Kopf niederscheinen und bemerkte, wie dieser mit den Augen blinzelte und wie sein Gesicht sich nach und nach mit einer ungesunden Röte bedeckte.
»Nehmt meinen Hut, Mynheer,« sagte er, dem Lord seine eigene Kopfbedeckung anbietend. Und mit diesen Worten gab er einem der begleitenden Schwarzen den Auftrag, den breiten Hut auf des Engländers Kopf zu setzen. Denn der Gefangenen Hände waren ja gefesselt.
»Ich kann es eher vertragen,« sagte er lächelnd, als der Lord das Erbieten nicht annehmen wollte.
Der Lord ließ es sich gefallen und ging, vor der Sonne besser geschützt, frischeren Mutes weiter. Eine Thräne dankbaren Gefühls drängte sich ihm ins Auge.
Der Weg, auf welchem die lange dünne Kolonne marschierte, bog sich auf der halben Höhe des Berges plötzlich zur Seite, und nun ging es in einer Richtung weiter, welche der bisher verfolgten gerade entgegengesetzt war. Nach einem halbstündigen Marsche durch ein sehr baumreiches Thal, während dessen sich die langgezogene Reihe mehr zusammengeschlossen und zu dicken Haufen geballt hatte, ging plötzlich ein Ruf durch die Masse hin, und der Zug stockte. Die Gefangenen sahen, daß Titus Afrikaner, der inmitten seiner Schar gegangen war, nach vorn eilte. Es schien eine Störung in dem Plane, den er verfolgte, eingetreten zu sein.