Nicht lange darauf ward eine Änderung getroffen. Titus Afrikaner kehrte zurück und versammelte um seine Person alle mit Gewehren bewaffneten Männer, deren es nur etwa zwanzig gab, dazu einen gleich starken Haufen von Speerträgern und bog mit dieser kleinen Schar nach rechts ab. Die Gefangenen mußten ihm folgen. An die Spitze des größeren Haufens, der über vierhundert Köpfe stark war, stellte sich der Häuptling mit dem grauen Mantel, er allein mit einer Büchse bewaffnet, und führte diese Hauptmasse der Streiter in der bisherigen Richtung weiter. Pieter Maritz hatte von einem der begleitenden Kaffern erfahren, daß dieser Häuptling in der That der Bruder des Anführers, der berühmte Fledermaus, sei.
Es ging unter der Leitung des Titus Afrikaner eine Höhe hinan, welche mit Buschwerk und einzelnen niedrigen Bäumen bestanden war, die gleich Kandelabern ihre Äste emporstreckten, und nach etwa viertelstündigem Steigen war der Rücken des Berges erreicht. Die Sonne stand jetzt schon hoch, und Pieter Maritz sah, daß es nicht weit von der Mittagsstunde sein könnte. Da er noch nichts gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich sehr hungrig und durstig. Noch mehr als er aber litt der junge Lord, der weniger als der Buernsohn an Entbehrungen gewöhnt war. Doch hielt ihr Stolz beide davon ab, um Speise zu bitten.
Der Berg, auf welchem sie sich befanden, zog sich in langgestrecktem Zuge hin, aber der Marsch ward nicht in derselben Richtung fortgesetzt, sondern Titus Afrikaner wandte sich jetzt links, so daß er in derselben Richtung vorging, in welcher sein Bruder unten im Thale marschierte. Es ging noch eine Weile vorwärts, und nun sahen die Gefangenen blaues Licht durch das Unterholz vor sich scheinen und erkannten, daß der Berg sich dort schroff hinabsenkte. Ein Abhang von ziemlicher Steilheit lag vor ihnen, und von dem Rande desselben konnten sie weit hinaus in tiefer liegendes Hügelland sehen. Dieser Saum des Abhanges war noch mit Bäumen und Büschen besetzt, und im Versteck derselben ließ Titus Afrikaner seine Schar halten, trat hinter den Stamm einer der kandelaberförmigen Euphorbiazeen und lugte ins Land hinaus.
Von Begierde getrieben, zu erfahren, was im Werke sei, näherten sich auch die Gefangenen dem Saume des Abhangs und blickten hinaus, doch hielten sie sich hinter einem Busch verborgen, um nicht den sie bewachenden Männern Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Pieter Maritz beobachtete den Führer und sah, daß dieser mit unverwandtem Blick seiner schwarzen funkelnden Augensterne auf eine bestimmte Stelle in der Entfernung blickte. Er folgte mit seinem Blicke und erkannte nun mit tiefer Bewegung zwei dunkle Streifen, die sich gleich Würmern über ein grünes Tuch nebeneinander hin bewegten. Sein scharfes, geübtes Auge erkannte aus der Schnelligkeit, mit welcher diese Streifen herankamen, und aus der Gestalt, welche sie hatten, die wahre Natur ihrer Erscheinung.
»Seht dort, Mynheer,« flüsterte er dem Engländer zu, mit dem Kopfe winkend, »dort kommen die Buern.«
Der Lord sah mit Anstrengung aller seiner Sehkraft hinüber. »Ich sehe nichts,« sagte er.
»Seht doch,« sagte der Knabe. »Seht dort die schwarzen Streifen, so lang wie ein Finger und eine Handbreit von einander entfernt. Der eine ist mehr oben, am Rande des dunklen Waldes, der andere mehr unten auf der grünen Fläche. Und seht doch nur! Jetzt könnt Ihr einzelne schwarze Punkte erkennen, die vor den Streifen herziehen. Das sind einzelne Reiter, die den Weg aufsuchen und nach Feinden spähen, die Streifen aber sind zwei Haufen meiner Landsleute. Seht, wie sie wachsen, sie reiten schnell, seht doch nur, sie kommen hierher.«
»Ich sehe wahrhaftig nichts,« entgegnete der Engländer. »Meine Augen sind nicht scharf genug, wie mir scheint, und ich habe kein Fernrohr, könnte es ja auch nicht gebrauchen, da ich keine Hand frei habe.«
Titus Afrikaner indessen hatte den herankommenden Feind so gut wie der Buernsohn genau erkannt. Seine Faust umklammerte das Gewehr mit festem Griff, so daß die Muskeln seines Armes emporschwollen, sein Kopf war vorwärts geneigt, und sein Blick glich dem eines Raubtiers. Jetzt wandte er sich zu den Gefangenen und zeigte mit dem Finger in die Ferne.
»Dort kommen sie,« sagte er mit grausamem Lächeln, »die weißen Männer, eure Väter und Brüder, kommen. Ob sie euch wohl helfen werden? Sie kommen, um den armen schwarzen Mann zu jagen. Sie sehen ihn für ein Wild an, das man in den Bergen schießt. Aber Titus Afrikaner und Fledermaus haben Krallen und Zähne. Das werdet ihr sehen. Sie sind Löwen und werden den Jäger fressen.«