»Hat der König Wilhelm viele Ochsen?«

Der Missionar lächelte. »Er hat viele Ochsen,« entgegnete er. »Genau kann ich dir nicht sagen, wie viele es sind, aber ich kann dir mitteilen, daß in seiner Hauptstadt allein jeden Tag wohl mehr als tausend geschlachtet werden.«

Der König erschrak, und ein Ausdruck der Verwirrung zeigte sich auf seinem Gesicht. Dieses Beispiel der Größe der königlichen Macht traf ihn tief. Hastig sagte er: »Tschetschwajo liebt den Frieden, er wünscht nicht, mit dem König Wilhelm Krieg zu führen. Sage ihm, wenn du heimkehrst, Tschetschwajo sei sein Freund.«

Der Missionar erhob sich und ging an seine Bücherkiste. Es war ihm eingefallen, daß er ein Buch besaß, welches eine Abbildung des Deutschen Kaisers und viele andere Bilder enthielt, die den Zulukönig interessieren mußten. Es war die Beschreibung des deutsch-französischen Krieges von Hiltl, welche aus Leipzig ihren Weg nach Afrika gefunden und ihm in der Ferne die Kunde von den großen Ereignissen in der Heimat gebracht hatte. Dies Buch übergab er dem Könige und zeigte ihm die Bilder. Tschetschwajo geriet in das höchste Entzücken. Zwar war dies Entzücken zu Anfang mit Grauen gemischt. Beim ersten Anblick der Bilder und der schwarzen unzähligen Buchstaben verfärbten sich seine Lippen, und er packte den Arm des Missionars mit einem schreckensvollen Griff, der sich tief in das Fleisch eindrückte. Der Gebieter über Leben und Tod vieler Tausende fürchtete sich vor dem Buche.

»Hast du dem Dinge Medizin gegeben?« fragte er mit abergläubischem Schauder.

»O nein,« sagte der Missionar, ihn beruhigend. »Es ist ganz ohne Medizin. Alles ist mit Händen gemacht, das glatte Papier, die kleinen schwarzen Zeichen und die Bilder.«

Nun verlor sich die Furcht des Königs, er blieb wohl eine Stunde lang bei dem Missionar, ließ sich vieles erzählen und ging sehr befriedigt von dannen, indem er sich das Buch nachtragen ließ. Bald darauf kam eine Einladung zu einem Hoffeste, welches an demselben Abend stattfinden sollte.

Das Fest begann bei Sonnenuntergang und ward beim Scheine von tausend Fackeln gefeiert. Vor den ausgedehnten, doch niedrigen Palasträumen des Königs, vier Gebäuden aus Fachwerk, an welche sich eine große Veranda anschloß, war ein ebener großer Platz, ganz mit kurzem, weichem Grase bewachsen. Diesen Platz säumten einige tausend Krieger ein, welche die Fackeln in Händen hielten. Auf der einen Seite waren Herdfeuer, wo Ochsen gebraten und gekocht und Kuchen gebacken wurden. In der Mitte aber befand sich der König mit den königlichen Prinzen und Prinzessinnen und mit seinem ganzen Hofstaate, wohl hundert bewaffneten Männern, und hier nahmen auch die Weißen auf Rasensitzen Platz, die mit Tigerfellen überkleidet waren. Der Hauptteil des Festes bestand in einem Tanze. Der Harem des Königs war zur Stelle, mehrere hundert Frauen. Von diesen waren sechzig der schönsten ausgesucht und in lange, weiße, faltige Gewänder gekleidet. Diese schritten vorwärts und rückwärts, seitwärts und in verschlungenen Figuren durcheinander. Sie umhüllten sich bald mit den Gewändern und bewegten dieselben in verschiedenen Faltungen, bald ließen sie ihre schwarzen, von Fett glänzenden Glieder sehen, daß sie sich wie polierter schwarzer Marmor im Scheine der Fackeln von der Gewandung abhoben. Sie tanzten nach dem Takte eines Gesanges, den sie selbst und die übrigen, am Boden sitzenden Frauen erschallen ließen. Auch in diesem Gesange gleichwie in dem Kriegsgesang am vergangenen Tage war nicht nur Takt, sondern auch eine Art von Harmonie, nur ward er ebenfalls durch schrille Töne in einer für das Gehör der Weißen unangenehmen Art unterbrochen.

Tschetschwajo selbst leitete das Fest, indem er durch ein Nicken oder durch eine Handbewegung der ganzen Versammlung ihre Bewegungen vorschrieb. Jede seiner Anordnungen ward von Rufen der Bewunderung und der Schmeichelei begleitet, und wenn er sich setzte oder aufstand, aß oder trank, hallten Himmel und Erde von den donnernden Rufen Tausender wieder. Dazu umschwärmte ihn beständig ein Haufen von Männern, welche eine Art von Hofnarren zu sein schienen oder doch in der Mitte zwischen ernsthaften Hofleuten und Narren standen. Sie waren sehr phantastisch gekleidet, mit bunten Mänteln, hohen bunten Federbüschen und klirrendem Putz. In den Händen trugen sie Stäbe von Elfenbein mit geschnitztem Knauf. Sie gingen vor und hinter dem König, sprangen auf und nieder und umtanzten ihn. Zuweilen warfen sie sich wie in Anbetung vor ihm nieder und riefen mit großer Schnelligkeit der Zunge eine Flut von Schmeicheleien, dann schwangen sie ihre Stäbe und verkündigten laut die Siegesthaten des Despoten.

Als der Tanz der Frauen zu Ende war, setzte Tschetschwajo sich auf seinen riesigen, mit Löwenfell überzogenen Schild, den er heute trug, winkte den Missionar zu sich heran und fragte ihn, ob das nicht ein schöner Anblick gewesen sei und ob am Hofe des Königs Wilhelm ebenso schöne Schauspiele wären.