»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.
»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an, denn Strafe muß sein.«
Fritz nahm dies Alles still auf – er war keines Wortes mächtig vor den Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen gestanden hätte.
Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem »Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen. Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird: die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur zu sehr erfahren.
4.
Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme, welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt.
Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht, das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause – sollte er das hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott« sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und fröhlich ein.
Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt – er mußte sich am Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh – recht weh ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem »Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht – aber ihr kennt den Fritz wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch, daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte!