»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er, »und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.«

Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner »Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers anzugeben.

Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern, denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten, als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd, daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister folgenden Brief überbracht:

»Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. – Ich habe den Ort, wo die Klötze lagen, verrathen. – Gott weiß, ich wollte Ihnen kein Uebel zufügen – aber die Liebe – o Gott! wie fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! – Ich bin nicht mehr in der Mühle – als die Frau erfuhr, daß es anders mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen im Begriff stand, erkennen. – Ich wohne nun im Hause mit der Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben – o wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter Fritz, so hätten Sie nicht handeln können?

Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe – verzeihen Sie mir, lieber Fritz! – ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! – Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre Verzeihung – daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein Anderer sie sitzen lassen. – Lassen Sie mir nur ein paar Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.

Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen – der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie, wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber verlieren Sie den Muth nicht – Gott richtet anders als die Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! – Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich so. – Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich werde allezeit für Sie beten.

Concordie E.«

Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag; es war Zschokke's »Alamontade«.

»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister, als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.«