Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen, ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor. Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die Lage des Standpunktes.
»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung gekommen.«
»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden können.«
»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes, treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich weiß.«
»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.
»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst nicht zu den Superklugen.«
»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte, »kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden, desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg. Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann, hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«
»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in unserm Gebirge giebt.«
»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis, »mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird. Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes, daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen Vater jetzt ruinirt!«