Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert Jahre darniedergelegen?«

»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen, und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden; die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt – aber wie alle Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«

»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren; sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen? Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch die Mutter hat ihre guten Seiten.«

»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter – o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«

»Aber« – wandte Hedwig ein – »seit ein paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß sie es noch mehr wird.« –

»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«

»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte Hedwig.

»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« – sagte der Greis; – »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und unbefleckt.«

Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.

»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen wollte, Hedwig – was denkst Du von den Besuchen, die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«