Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege, wenn er kommt.«
»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! – Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.
Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr klaffte der furchtbare Schlund.
»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«
»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«
»Da fragen Sie mich zu viel; – genug, ich kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den kleinen Gefallen zu thun.«
Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben Sie mir die Hand.«
»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«
»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben anflehen. – Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! –«