Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens – das Erz war verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen; er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben – vielleicht war das Erz durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war es gar »heimgegangen« – aber es konnte wohl auch von einem Menschen entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf, derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt, so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,« erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach, machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!«

Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief. Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden. Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser Geschichte wird es lehren.


V.

Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel. Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen. Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater davon in Kenntniß.

»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte, taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.

»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten, »ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten. Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie ihn.«

»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«

»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall – vielleicht zu einem schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«