»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!« unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von Brunn.«
»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn, das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«
»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der Schichtmeister spottend ein.
»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen, wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«
»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig gelten würde.«
»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham, Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken willst?«
Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war. Aber er irrte sich.
»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer, hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis; »der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen, so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth, der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«