»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.
»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung – thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.
Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand, sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu entledigen.
Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm, war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen. Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber, den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen, niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin setzte jetzt ihren Willen durch.
»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war, »eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein, ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns gefühlt – trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen, auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu – aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt, es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«
Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten Steigerschicht.
VI.
Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig, der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.