»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf- und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.

Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke, Fahrstuhl, – Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen ausgewählt.

Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte. Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk. Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. – »Los!« rief Ferdinand, und der Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten 100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden; Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern. »Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus aller Bedrängniß retten konnte.

Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf die Glocke und lauschte, – einmal – zweimal; – »in die Ruhe!« commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«

Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille, betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod entschied.

Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz; ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie, keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, – ich wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, – aber nein; nur ein Zufall bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, – bald erglänzt der schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, – noch ein paar Windungen, da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und stark der glückliche Teufenfahrer; – »Glückauf! Glückauf!« rufen alle Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, – aber wo bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe eint, die stärker ist als der Tod. – Erst dann mögen die Herren der Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen Angriff des alten Baues wohl verlohnte.

»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert wegen der schlagenden Wetter.«

»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen, verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält, ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«