Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand er den ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte? Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!
— Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.
Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.
Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm. So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.
Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon, daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und erschütterte ihn wie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt, daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.
Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein, niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn verschlingen.
Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten. Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte sie einen Fehler gemacht.
Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.
Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.